Einsicht nach fünfzig Jahren: Themse und Rhein fließen ins gleiche Meer

Der Besuch des Bundespräsidenten in London ist mehr gewesen als eine jener prunkvollen Auslandvisiten, die zum Handwerk aller Staatsoberhäupter gehören: Er war Symptom und Symbol, einer tiefgreifenden Wandlung, die sich während der letzten Jahre unmerklich im deutsch-englischen Verhältnis angebahnt hat.

Ein halbes Jahrhundert lang waren die Beziehungen zwischen den beiden "teutonischen Vettern" überschattet von bitterer Rivalität, die zweimal in der Lebensspanne einer einzigen Generation in offene Feindschaft umschlug. Zweimal, 1914 und 1939, gingen in der Welt die Lichter aus, traten sich die Vettern mit aufgepflanztem Bajonett gegenüber und ließen einander, zum Unglück beider Völker, blutig zur Ader.

Nie wieder! Dieses Bewußtsein ist heute in beiden Ländern lebendig. Königin Elizabeth war es, die beim Staatsbankett für Bundespräsident Heuss davon sprach, daß die tragischen Ereignisse der letzten fünfzig Jahre der Geschichte angehören: "Jetzt müssen wir in die Zukunft blicken, und durch unser Bündnis und unseren Zusammenschluß miteinander und mit anderen Ländern des Westens müssen wir aufs neue die Bande der Freundschaft und des Friedens schmieden."

Einst war die Freundschaft zwischen England und Deutschland, die sich auf eine lange und feste Tradition gründete, eine geschichtliche Tatsache. Aber das überkommene Kapitel des guten Willens wurde leichtfertig aufgezehrt, die Chance der engeren Freundschaft wurde vertan. Joseph Chamberlains Partnerschaftsplan, seine kühne Vision eines deutsch-englisch-amerikanischen Bündnisses, zerschellte an den Klippen des Unverständnisses, das ihm die Masse der Engländer und auch der Berliner Partner entgegenbrachten. Zu weit schon war die Entfremdung zwischen den beiden Völkern fortgeschritten seit jener törichten Depesche, die Wilhelm II. zu Beginn des Jahres 1896 an den Burenführer Krüger geschickt hatte.

Auch skeptische Pressestimmen

Die Flottenpolitik Wilhelms, die Kolonialfrage, der Handelsneid stand zwischen, den beiden Völkern, und das vom Kaiser verkündete Schlagwort: "Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flottenbau als Instrument." Was als Verstimmung begann und wechselseitig zu wachsender Spannung führte, entlud sich im ersten Weltkrieg.