A. M., Paris, im Oktober

Der Gefangenenaustausch zwischen Frankreich und der algerischen Exil-Regierung ist nach de Gaulles Wahlinstruktionen an General Salan ein zweites Signal dafür, daß sich in der französischen Algerien-Politik etwas geändert hat.

Zwar wurde in Algier versucht, es als bloßen Zufall hinzustellen, daß Frankreich die Freilassung von vier französischen Soldaten durch die FLN mit der Freilassung von zehn Kämpfern des Maquis beantwortet hat. Aber die zum Vergleich herangezogenen Freilassungen von Algeriern gleich nach dem Regierungsantritt von de Gaulle waren etwas anderes: Damals handelte es sich um die Schließung von Internierungslagern für Verdächtige. Gewiß mögen sich in ihnen auch Mitglieder der "Befreiungsarmee" befunden haben. Von den zehn Algeriern, deren Freilassung General Salan am Montagabend verkündete, wurde jedoch ausdrücklich vermerkt, daß sie sämtlich mit der Waffe in der Hand gefangengenommen worden seien.

Damit kündet sich ein Wandel an, der schon von gewissen Wendungen in de Gaulles algerischen Reden vorbereitet wurde: Zum ersten Male behandelt eine französische Regierungsstelle die Maquis-Kämpfer nicht als Verbrecher, sondern als Soldaten einer gegnerischen Kriegspartei. Damit ist eine konkrete Grundlage für einen Verhandlungsfrieden in Algerien geschaffen worden.

Diese Seite der Angelegenheit dürfte wesentlich wichtiger sein als der unbestreitbar auch vorhandene Public-Relations-Charakter der Aktion (die vor der Weltöffentlichkeit ja auch zeigen sollte, daß nicht allein die algerische Exil-Regierung humane Anordnungen treffe). Gleichzeitig hat auch Ferhat Abbas sein Verhandlungsangebot an Frankreich zum ersten Male nicht über Interviews mit europäischen Zeitungen, sondern ganz offiziell über den ägyptischen Rundfunk verkündet, und zwar von neuem unter ausdrücklichem Verzicht auf die vorausgehende Anerkennung der algerischen Unabhängigkeit als conditio sine qua non.

So sind die Türen für eine friedliche Lösung weit offen, und General de Gaulle, der sich mehr erlauben kann als jeder andere mögliche französische Regierungschef, braucht nur zuzugreifen. Den zu erwartenden Widerstand im Lager der französischen Kolonialisten wird er leichter überwinden können, solange diese nach den sie lähmenden Angriffen der letzten Woche sich noch nicht neu gesammelt und gestärkt haben.