Deide leben sie in Paris: Jean-Paul Riopelle und Hector Trotin – ein zorniger junger und ein freundlicher alter Maler. Riopelle wurde 1923 in Kanada geboren und gehört seit etwa fünf Jahren zur internationalen Spitzengruppe. Seine Bilder sind zehnmal so teuer wie die des verkrachten Pariser Antiquitätenhändlers und Sonntagsmalers Trotin.

Selbst kompromißlose Anhänger der gegenstandslosen Kunst lassen die naive Gegenständlichkeit eines Sonntagsmalers gelten. In vielen modernen Sammlungen hängt zwischen lauter prominenten Abstrakten irgendein "Sonntagsbild". Die Sonntagsmalerei ist das Feld, wo sich Sammler und Experten von den Strapazen der modernen Kunst erholen, wo sie ihren Bedarf an Gegenständlichkeit und naiver Lebensfreude decken. Dieser Bedarf ist noch immer recht lebhaft und keineswegs nur bei den Snobs vorhanden.

Riopelle wird im Vorwort des Katalogs als ein maßgeblicher Vertreter des "action painting" vorgestellt. Die Amerikaner haben diesen Begriff geprägt, wobei sie offenbar ihren großen, 1956 verstorbenen Landsmann Pollock im Auge hatten. Sie wollen damit eine besondere Spielart ungegenständlicher Malerei charakterisieren . "Action painting" meint die "zornigen jungen Männer", die nun auch, nachdem sie in der Literatur entdeckt wurden, in der zeitgenössischen Malerei existieren sollen. Niemand weiß, ob und warum diese jungen Maler eigentlich zornig sind. Ihre ungegenständlichen Bilder sagen darüber nichts aus.

"Action painting" besagt wörtlich: Malerei als Aktion, als Tat. Das ist gewiß keine neue Erkenntnis – Malen ist immer ein Tun, eine aktive Verhaltensweise gewesen. Neu (und zugleich problematisch) ist die Verabsolutierung des Tatcharakters und die Negierung alles dessen, was nicht unmittelbar mit dem Vorgang des Malens zu tun hat. Das Bild wird zum Aktionsfeld, auf dem sich die dynamischen Energien des Malers gewaltsam und hemmungslos entladen. Keine gezielte, gelenkte Aktion, sondern Aktion um ihrer selbst willen, die aller Kontrollen entraten kann. Farben strömen gegen- und durcheinander, bilden Rinnsale und Schluchten.

Der "Maler in Aktion" kann auch auf den Pinsel verzichten, er kann die Leinwand beschießen, beklecksen oder die Farben über sie träufeln. Aufruhr, Revolution, entfesseltes Chaos– in dem die Form untergeht. Und damit ist, zum mindesten in der Theorie, die Grenze der Kunst überschritten. Kunst kann auf alles verzichten, auf den Gegenstand, auf reale, geistige, symbolische Inhalte – nur nicht auf die Form.

Eine Kunst, die das Prinzip der Formlosigkeit, der Unform propagiert ("art informelle" ist ein anderes Wort für "action painting") gibt sich selber auf. Der Ausspruch "Form ist etepetete", den Hans Castorp in Thomas Manns "Zauberberg" in einem Augenblick geistiger Verwirrung von sich gibt und für den er von Settembrini energisch zur Rede gestellt wird, könnte von einem Theoretiker des "action painting" stammen.

In seinen frühen Bildern steht Riopelle ohne Frage unter dem Einfluß von Pollock. Eine erregte Dynamik läßt die Farben zerfetzen, ein Gewirr von Linien zieht sich über die Oberfläche. Aber es fehlen die Kraft, die Ursprünglichkeit, die Vision, die bei Pollock faszinieren. Jedoch die Abhängigkeit verliert sich, je länger Riopelle in Paris lebt. Das Französische zähmt den sich wild gebärdenden Amerikaner – zu seinem Vorteil.