Ben, Hamburg

Es gibt drei versteckte Straßen in Hamburg, über die man nicht gern spricht. Zwei von ihnen liegen auf St. Pauli, und eine ist nicht weit vom Jungfemstieg entfernt. Sie heißt Ulricusstraße, wobei zu sagen ist, daß ihr früherer Name, Winkelstraße, ihr viel besser anstand. (Anstand? Na ja ...)

Jetzt ist das Schicksal der Ulricusstraße besiegelt, weil sie zwischen dem Dragonerstall und der Caffamacherreihe eingebettet liegt und weil dieses Gebiet, wenn der Frühling naht, wohl endgültig der Spitzkacke anheimfällt, damit für das Verwaltungsgebäude eines Margarinekonzerns Platz geschaffen wird.

Und die zweihundert "Untermieterinnen" in den fünfundzwanzig, zum Teil engbrüstigen und mühsam vor Alters- und Witterungsschäden bewahrten Häusern, haben alle Hoffnungen begraben, in einer anderen verkehrsgünstigen und abgeschlossenen Straße der Stadt ihre Tätigkeit fortsetzen zu können.

Sechs Häuser in der Ulricusstraße befinden sich in Privatbesitz, und die anderen gehören der Liegenschaftsverwaltung. Die Besitzer beziehungsweise Hauptmieter, auch Unternehmer genannt, sind in dem Verein der Hamburger Zimmervermieter e. V. zusammengeschlossen. Sie machen sich Gedanken darüber, was aus ihren "Schutzbefohlenen" werden soll... Aber von berufener Seite wurden sie darauf hingewiesen, daß sich dieses zersprengte Häuflein, sobald es freie Bahn hat, mit den bereits auf der Reeperbahn pendelnden Schicksalsgefährtinnen gewiß ganz unauffällig verschmelzen wird.

"Pst", sagt der Staat zu den Zimmervermietern. "Habt ihr nicht genug Geld verdient? Müßt ihr vielleicht bangen Herzens in eine ungewisse Zukunft sehen? Haben unsere Finanzämter jemals zuviel verlangt? Durftet ihr nicht Getränke ausschenken, ohne Konzession? Stand vielleicht ein Prüfer dabei, wenn der Sekt in Strömen floß? Hat etwa die Polizei euch das Leben schwer gemacht?"

"Na ja", sagen die Zimmervermieter. "Es sollte ja einmal anders werden, gleich nach dem Krieg, mit verhängten Fenstern und ohne Tore; doch dieser Plan fiel ins Wasser, denn die Polizei wollte pflichtgemäß über alles wachen, und das ging viel besser bei den Toren und erleuchteten Fenstern als im Dunkeln. Aber damals bestimmte die Polizei den Zuschnitt der Blusen und errechnete, wie breit und tief die Dekolletés sein durften. Das Finanzamt war zwar niemals kleinlich. Trotzdem steckte es seine Nase überall rein. Und wir haben angebaut, umgebaut, eingebaut... Wir sind fortschrittlich gewesen, weil sich das so gehört in der Branche und Hamburg eine Weltstadt ist..."

Doch die Behörden der Weltstadt sagen sich: zwei Straßen bleiben übrig; reichen die vielleicht nicht? Aber die eine davon, etwas abseits und dürftig, von Gaslaternen erhellt, wird bei der Verwirklichung des geplanten "Neu-Altona-Projektes" demnächst ebenfalls ihrem Zwecke entzogen und eingeebnet werden. Für diese verlorenen Gassen gibt es keinen Ersatz, denn Hamburg soll heller, geräumiger und moderner werden, ob mit Autostraßen über den Dächern oder ohne. Dunkle Stellen bleiben deshalb nicht verschont, es sei denn, sie liegen auf St. Pauli. Und was dort ist, wird noch lange so bleiben, da rüttelt keiner dran.