Mit dem Maulkorb für die Presse fängt es an – die Unfreiheit der Bürger ist das Ende

Von Josef Müller-Marein

Leitungen werden gelesen, doch Zeitungsleute nicht geliebt – wenigstens nicht alle und nicht allenthalben. Besonders in den öffentlichen Ämtern gibt es Menschen, die gewissen, dort aufkreuzenden Reportern gern ein Schild umhingen, wie es ähnlich für gewisse Pferde vorgeschrieben ist: Vorsicht, Journalist beißt!

Journalisten – auch solche vom Fach der Enthüllungsreporter – gibt es in allen Wertstufen. Ohne Untersuchung keine Diagnose. Ohne Diagnose keine Heilung. Das weiß jeder Arzt. Es bliebe manche Krankheit am öffentlichen Wesen unentdeckt und wucherte weiter wie Krebs, gäbe es die Journalisten nicht. Und die Öffentlichkeit – jeder Bürger und Steuerzahler – hätte den Schaden davon.

Auf dem höchsten Rang unter den Journalisten stehen die Analytiker und Diagnostiker. Und wenn es, vielleicht auch nur wenigen vergönnt war, gleich dem großen Görres Wege aus allgemeinem Mißgeschick nicht nur zu weisen, sondern sogar zu führen, so haben doch auch jene anderen hohe Verdienste erworben, die deshalb über die Diagnose nicht hinauskamen, weil sie gezwungen wurden, in der Kritik stecken zu bleiben. Börne und Heine, sie waren einst unerwünscht. (Daß sie Meister der Sprache waren, hat ihnen zwar bei der Nachwelt viel genützt, wenig aber für die Gegenwart.)

Auf dem niedrigsten Range stehen diejenigen, die von den "Publizisten" als "Scribenten" bezeichnet werden: die jagen den Sensationen um der Sensationen willen nach und dienen mit der Aufdeckung von Skandalen den Lustgefühlen einer nicht kleinen Leserschaft, dienach genossener Lektüre dann gern bereit ist, sich moralisch zu entrüsten. Sie werden magisch angezogen von Orten, wo es stinkt, und sind hellsichtig darin, dunkle Punkte zu finden. Des Balkens im eigenen Auge nicht bewußt, sehen sie das Pickelgeschwür auf der Nase des Nächsten, doch sein ganzes Antlitz, daswohl auch edle Züge trägt, sehen sie nicht. Und weil sie so die Welt betrachten, passiert es ihnen, daß sie glauben, ein dreifacher Hunger sei Triebkraft zu jeglichem Handeln: Hunger nach Macht, nach Geld, nach Eros. Über diesen billigen dreifachen Leisten schlagen sie Politiker und Wirtschaftler. Höchstens, daß sie dem Künstler noch ein bißchen Narretei und dem Wissenschaftler ein bißchen Neugier zugestehen. Kurzum, die Welt, die sie sehen, ist ohne Götter, und die Leser sind arme Teufel.

Gute und schlechte Ärzte