Sie sind vorzügliche und genaue Beobachter, die wissenschaftlichen Spezialisten, doch sie beobachten nur die Dinge, die für sie wesentlich sind. Das andere, für den Leser vielleicht viel Bemerkenswertere, übersehen sie einfach. So unterscheidet ein Ornithologe Tempel und Bauwerke in ideale oder ungeeignete Nistplätze für Vögel, ein Entomologe wird einen romantischen Gebirgssee nur deshalb in Erinnerung behalten, weil er in ihm wider alles Erwarten einen Gelbbrandkäfer fand; und ein Botaniker läßt sich von der Mikroflora in der Dachrinne eines alten Gasthofes mehr fesseln als von der vorzüglich bestückten Speisekarte. Zumindest erwecken sie in den Büchern, die sie über ihre Reisen schreiben, diesen Anschein und zwingen den Kritiker zur Schwarzweißmalerei.

In ihrem Buch sieht die Insektenforscherin

Evelyn Cheesman: "Leidenschaft zur kleinenSchöpfung"; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 347 S., 15,80 DM

vor lauter Käfern, Spinnen und Schmetterlingen die Welt nicht mehr, die sie viele Jahre lang bereiste. Zunächst verfolgt man ergötzt die "Insektenbelustigungen" der Engländerin, die zwischen ihrem zweiundvierzigsten und vierundsiebzigsten Lebensjahr sechs große Südseereisen unternahm, um Insekten zu sammeln. Doch nach ungefähr 150 Seiten gewissenhafter und sorgfältiger Beschreibungen macht das Vergnügen einer lustlosen Gleichgültigkeit Platz. Und selbst ein objektiv aufregendes Abenteuer der Autorin, wie das Hängenbleiben in riesigen Spinnennetzen, wird vom Leser genauso unberührt registriert, wie von Frau Cheesman trocken beschrieben.

Da liest sich das Buch ihres zoologischen Kollegen, der an der sieben Jahre dauernden ersten Durchquerung Zentralbrasiliens teilnahm, viel leichter:

Helmut Sick: "Tukani"; Paul Parey Verlag, Hamburg und Berlin; 241 S., 16,80 DM.

Rühmenswert ist vor allem, daß der Verfasser aus dieser Expedition, die das Gebiet durchquerte, in dem Oberst Fawcett und mehrere Suchgruppen verschwanden, keinen Sensationsbericht machte. Er untertreibt sogar, wenn er über die Auffindung bisher unbekannter Indianerstämme und Tierformen berichtet, so daß es dem naturwissenschaftlichen Laien und unbefangenen Leser nicht immer leichtfällt, aufmerksam zu bleiben. Jedenfalls aber wird er den Tukani, den kleinen Pfefferfresser mit dem riesengroßen Schnabel, in sein Herz schließen, der die ganze Expedition terrorisierte und der von der ganzen Expedition geliebt wurde und diesem Buch seinen Namen gab. u. k.