Da sitzt man so und rührt in seinem Capucino. Die Sonne scheint schön warm auf das knusprige Gebäck, und es ist eine Lust, zu leben. Dichte Schwärme von Tauben fliegen hin und her. Sie machen ein knatterndes Geräusch und etwas kalten Wind. Sie kommen in grau, weiß, marmoriert, gepunktet, changeant und nachtblau. Es sind keine gewöhnlichen Tauben. Es sind die berühmtesten Tauben der Welt: es sind die Tauben vom Markusplatz in Venedig. In den Ecken des riesigen Platzes stehen Erbsenverkäufer und ratteln mit den Tüten. Ich zähle sechs in nächster Nähe. Sowie ein Tourist eine Tüte kauft, und das geschieht jede Minute, und er zahlt hundert Lire (70 Pfennig) für 100 Gramm – das sind beim Pfund etwa 3,50 Mark (ich weiß, wo es sie billiger gibt), stürzt sich ein Schwarm Tauben auf des Touristen Arme, Haupt, Schulter und sonstigen Landeflächen und macht ihn photogen. Denn sofort wird er beim Taubenfüttern für die Lieben in der fernen Heimat photographiert. Wenn die Tauben hochfliegen, ist auch nicht die winzigste Erbse mehr übriggeblieben. Aber der schön ornamentierte Steinboden ist mit dem Resultat wie mit weißem Schnee bedeckt. Schon naht ein würdiger Beamter der Stadt Venedig, pensionsberechtigt und mit kleinem Handwagen, Schaufel und Besen und macht alles wieder blitzblank. Während der Taubenschwarm sich auf einen anderen Touristenschwarm stürzt. Da sitze ich, lausche dem Ratteln der Erbsenverkäufer und denke, wie einfach ich doch leben könnte, nur so vom Ratteln mit Erbsen für 3,50 Mark das Pfund. Und ich denke, wenn mir mal die Hände zittrig werden vom vielen Zeichnen, dann wären sie ja gerade richtig für das Erbsenratteln, und dann kaufe ich mir zehn Pfund Erbsen als Betriebskapital und werde Rattler auf dem Markusplatz und lebe von den Tauben wie alle andern. Denn plötzlich habe ich begriffen: Die Tauben fliegen gar nicht nur so hin und her und tun nichts als Fressen und das Gegenteil. Sie tun nämlich viel mehr für die venezianischen Menschen. Sie kurbeln ununterbrochen die Wirtschaft an, sie ernähren die Rattler, sie helfen der Photoindustrie, Millionen mehr Meter Filme zu verkaufen, zu entwickeln, zu kopieren, der Postkartenindustrie mehr Postkarten und mehr Briefmarken zu verkaufen, so daß mehr Touristen mit Dollar, Pfunden, D-Mark und sonstigen harten Währungen kommen, um sich auch photographieren zu lassen. Sie ernähren den städtischen Beamten mit Schaufel und Besen, der das Taubenguana einsammelt, das dann als Dünger an die Bauern verkauft wird, damit sie mehr Erbsen für 3,50 Mark das Pfund züchten, damit die Touristen sie kaufen – damit sie photographiert werden und mehr Touristen kommen.

Eric Godal

Viermal soviel Geld für Naturparks ist für das Jahr 1958/59 gegenüber dem Vorjahre im Bundeshaushalt vorgesehen. Das "Institut für Raumforschung" ist von der Bundesregierung mit der Aufstellung eines Dringlichkeitsprogramms beauftragt worden, um die öffentlichen Mittel nicht zu verzetteln. Ordnungshalber aber wollen die Herren in Bonn sogar Einsicht in Landschafts- und Gestaltungspläne nehmen, ehe sie mit dem Geld herausrücken.