Kein Tummelplatz für Rücksichtslose

Alwin Münchmeyer bekannte sich auf der am Wochenende in Bad Oeynhausen abgehaltenen 5. Bundesarbeitstagung der Juniorenkreise der Deutschen Unternehmerschaft zur Marktwirtschaft. Das ist, von seiten des Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, weiter nicht überraschend.

Aufhorchen ließ jedoch die lakonische Feststellung des Präsidenten, "daß in einer Marktwirtschaft die Möglichkeiten für rücksichtslose Naturen, die nur das Streben nach Geld und Macht kennen, gegeben sind". – "Nanu", mögen sich die illusionslosen Realisten unter den Managern gesagt haben: "Marktwirtschaft heißt Gewinnstreben. Gewinnstreben ist gleich Streben nach Geld. Weiter braucht es keine schönen Worte." Für diese Denker war Alwin Münchmeyers Rede ein – Zeitverlust.

Nun gibt und gab es unter Unternehmern auch immer einen Typ, der, wie weiland Hamlet, von des Gedankens Blässe angekränkelt und auch Ideen zugänglich ist, die in ganz ungehöriger Art und Weise über den Lattenzaun der eigenen Firma hinausragen. Zu Händen dieser Hamlets sprach der Präsident wie folgt:

"Das Leben des Unternehmers wird von seiner Umgebung heute sehr kritisch unter die Lupe genommen. Über diese Tatsache ist viel gesagt und geschrieben worden. Aber es sollte uns allen immer wieder – täglich – vor Augen stehen, daß die Beurteilung des gesamten Unternehmertums von unserer persönlichen, aufrechten, durchsichtigen und bescheidenen Lebensführung abhängt. Lassen Sie uns jede Übertreibung, jede allzu aufwändige Lebensführung vermeiden. Sonst wird sofort Kritik, und zwar durchaus berechtigte Kritik einsetzen, und es wird unnötiger sozialer Zündstoff geschaffen."

Zunächst macht es den Anschein, als würde damit der sparsame, bescheiden-distinguierte Kaufmann aus dem 19. Jahrhundert zum Ideal erhoben; das Gegenstück gleichsam zu einem Manager-Typ des "außen fix und innen nix". Der Anschein trügt. Denn vom Unternehmer ist heute – wie Alwin Münchmeyer eindringlich betonte – auch zu verlangen, daß er sich seiner politischen und kulturellen Verpflichtungen bewußt ist.

Weshalb zu verlangen? Weil sich in der Geschichte noch nie eine Schicht gehalten hat, wenn sie nicht die Berechtigung ihrer Stellung verteidigte. Daran, daß dieser Nachweis von der dynamischen Unternehmerschicht auch auf politischer Ebene erbracht wird, sind alle interessiert. Weil ferner der Unternehmer sich nicht darauf beschränken sollte, sein Einkommen ostentativ und geistlos zur Schau zu stellen. Derartige leere Demonstrationen schlagen in der Demokratie früher oder später auf die Demonstranten selber zurük.

In der amerikanischen Wirtschaft setzt sich diese Überzeugung immer deutlicher durch. Schon heute gehört es in gewissen Wirtschaftskreisen zum guten Ton, Politik zu machen; ein Rockefeller-Erbe und der Eisenbahnkönig Harriman bewerben sich im Herbst um den Gouverneurposten von New York. J.S.