Zu Beginn dieser Woche setzte auf den Aktienmärkteneine Aufwärtsbewegung ein, wie wir sie selbst in den zurückliegenden Hausse-Monaten kaum erlebt haben. Was war geschehen? Der Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums zur "Großen Aktienrechtsreform" hat bei vielen Leuten den Eindruck hervorgerufen, daß die dem Aktionär künftig zugestandenen Rechte sich in höheren Dividenden und Gratisaktien niederschlagen werden, weil es den Unternehmen erschwert wird, "stille Reserven" zu bilden. "Was verdient wird, muß künftig ausgeschüttet werden", so lautete die Devise der Käuferseite. Reißerisch aufgemachte Börseninformationsdienste sagten Dividenden von 20 bis 30 v. H. voraus. Eines kann man wohl heute schon mit Sicherheit sagen: Solche Blütenträume werden nicht reifen! Das entscheidende Wort über die Dividendenausschüttung wird auch künftig von der Hauptversammlung gesprochen und es ist doch wohl sehr fraglich, ob die Großaktionäre (und bei welcher Gesellschaft gibt es keine?) solchen Rekordausschüttungen zustimmen werden.

Immerhin hatten die mit der Aktienrechtsreform verknüpften Erwartungen neue und zusätzliche Aktienkäufe zur Folge. Die Kauforders stießen auf leere Märkte. Da alle Börsenprognosen in der Meinung übereinstimmen, daß es in nächster Zeit keinesfalls zu einem grundlegenden Tendenzumschwung kommen wird, vielmehr weiter stabile Kurse zu erwarten sind, finden sich zur Zeit nur wenige, die bereit sind, sich von ihrem Aktienbesitz zu trennen. Überdies wird das flottante Material auf dem Aktienmarkt von Woche zu Woche geringer, so daß man heute schon mit Fug und Recht von einem Seltenheitswert der Aktie sprechen kann.

Die fortschreitende Konzentration unserer Wirtschaft bindet ständig neue Aktien. Auf fast allen Gebieten versuchen Großaktionäre ihre Positionen in den Unternehmen zu verstärken oder erwerben finanzkräftige Industrielle Pakete, um bei interessanten Unternehmen die Mehrheit zu bekommen. Erhebliche Teile des deutschen Aktienkapitals sind auf diese Weise festgelegt. Weitere Millionen oder gar Milliarden liegen aus steuerlichen Gründen eingefroren. Das ist überall dort der Fall, wo Wirtschaftsunternehmen, Banken und Versicherungen Aktien niedrig zu Buch stehen haben und sich von einer Veräußerung wegen der dann fällig werdenden hohen Steuern scheuen. Große Beträge haben außerdem die Investment-Gesellschaften ihren Fonds einverleibt. Auch diese Aktien liegen für eine unbestimmte Zeit fest.

So konnte es geschehen, daß selbst so breit gestreute Papiere wie die IG-Farben-Nachfolger an einem Tag um 9 bis 10 Punkte anzogen. Die namhaften Elektrowerte buchten etwa die gleichen Gewinne. Bei den Bankaktien versuchte man diese hektischen Kurssprünge etwas zu bremsen indem die Großbanken aus ihren eigenen Beständen Material zur Verfügung stellten. Aber es reichte häufig nur aus, um etwa 10 v. H. der Nachfrage zu befriedigen.

Noch größer war die Hausse bei den Spezialwerten. Für die Investment-Gesellschaften, die auf Grund des guten Absatzes ihrer Zertifikate ständig gezwungen sind, ihre Aktienbestände anzureichern und dabei gleichzeitig eine möglichst breite Streuung zu erreichen, ist es zur Zeit keineswegs einfach, gute Spezialwerte wie MAN, Demag, Conti-Gummi und Lindes Eis zu erwerben. Oftmals mußten 20 bis 30 Punkte an einem Tag zugelegt werden.

Natürlich ist eine "Hausse aus Materialmangel" unbefriedigend. Aber was kann geschehen? Theoretisch wäre die Frage durch Kapitalerhöhungen, d. h. durch Ausgabe junger Aktien zu lösen. Aber erstens brauchen die meisten Unternehmen im Augenblick keine Mittel, weil sie ihre Investitionspläne reduziert haben, und zum anderen ist es immer noch billiger für die Gesellschaften, Anleihen aufzulegen als junge Aktien auszugeben. Für die Börse wäre es ein Segen, wenn das Gratisaktiengesetz möglichst rasch in Kraft treten würde. Dann würde sich das Aktienvolumen wenigstens etwas vergrößern. Aber das wäre nur ein Schritt. Auf dem steuerlichen Gebiet müßte noch vieles geschehen, wenn man dem Materialmangel auf dem Aktienmarkt ernsthaft zu Leibe rücken will.

Reichlich ist das Angebot allein auf dem Montanmarkt, der von der neuen Aufwärtsbewegung kaum berührt wurde. Die Klöckner-Dividende hinterließ auf die Börse keinen Eindruck. Im Gegenteil, der Klöckner-Kurs war sogar zeitweilig rückläufig. Nur Montangesellschaften, die über Verbindungen zur Chemie verfügen oder die gute Beteiligungen in der Verarbeitung besitzen, waren gesucht. Kurt Wendt