Von Thilo Koch

Die Ideen der allgemeinen Vervollkommnung, wie man sie seit dem Oktober propagiert, können mich nicht begeistern. Im übrigen sind wir von ihrer Verwirklichung noch weit entfernt. Für die bloße Phrase ist bis heute schon so viel Blut gezahlt worden, daß man wohl sagen kann, das Ziel rechtfertigt die Mittel nicht. Wenn ich von der Umgestaltung unseres Daseins reden höre, gerate ich in Verzweiflung und verliere die Gewalt über mich."

Diese Sätze sind im heutigen Rußland von einem Russen gedacht und geschrieben – allerdings nicht in Rußland gedruckt worden. Sie stehen im "Doktor Schiwago". Unter dem Eindruck der entsetzlichen Nachrichten über die Greuel Stalins hätte es bei uns kaum noch jemand für möglich gehalten, daß gleichzeitig eine Existenz wie Boris Pasternak im Sowjetimperium möglich sei. Es war offenbar ein Fehler, sich allein nach den Schilderungen der Koestlers, der Renegaten, ein Bild zu machen. Offenbar aber wäre es nun ein anderer Fehler, ihnen gar keinen Glauben zu schenken. Denn auch der weniger düstere Stalinschüler Chruschtschow hat am Donnerstagabend der vergangenen Woche die Stirn böse gerunzelt. Und das Ergebnis stand übers Wochenende in der Prawda, dem offiziellen Organ der Partei: "Ein erboster Spießer hat seiner rachsüchtigen Gereiztheit freien Lauf gelassen. Pasternaks Roman ist minderwertige reaktionäre Publizistik ohne literarische Qualitäten."

Der Nobelpreisträger für Literatur 1958 telegraphierte aus Moskau nach Stockholm: "Äußerst dankbar, bewegt, stolz, erstaunt, beschämt, Pasternak."

Die Zeitung des mächtigen sowjetischen Schriftstellerverbandes, die Literaturnaja Gazeta, dagegen erklärte den Nobelpreis für eine Auszeichnung aus der Hand von Sowjetfeinden und für eine Beleidigung jedes ehrlichen "Literaturschaffenden".

Dazu wieder die Prawda: "Hätte Pasternak auch nur einen Funken sowjetischer Ehre im Leibe, so würde er die für ihn als Schriftsteller erniedrigende Auszeichnung zurückweisen." Aber "Doktor Schiwago" sei eben ein "konterrevolutionäres, verleumderisches Werk", ein "kleinliches, zweckloses, infames Elaborat".

Schlimmer hätte auch unter Stalin nicht geschimpft werden können. Allerdings wäre nach einem Stirnrunzeln des greisen Diktators Pasternak schon nicht mehr in Freiheit, und niemals hätte sein Telegramm die Zensur passiert.