Von René Drommert

Oft ist das Arbeiten an Übersetzungen weniger durch ein Ermatten eigenschöpferischer Kräfte bestimmt als durch äußeren Zwang. Das scheint bei Boris Pasternak so gewesen zu sein.

Pasternak ist zweifellos eine starke Persönlichkeit. Also muß er in einer Gesellschaft, in der der Schema-Mensch bevorzugt wird, in einen "prästabilierten" Dauerzustand der Konfliktmöglichkeiten geraten. Ein solcher Zustand kann für einen Autor vom Range Pasternaks bedrohlich sein, weil er die Gefahr eines erzwungenen und radikalen Sprachwechsels bedeutete: von der Höhe seiner ausdrucksstarken individuellen Sprache hinunter in die Niederungen der sprachgeregelten Schablone.

Man hat Pasternak einen Romantiker genannt; dagegen spricht jedoch sein Bestreben, sich der Zeit und der Gesellschaft zu stellen. Zum Beispiel hat er in dem 1943 erschienenen Gedichtband "In Frühzügen" (Na rannich poesdach) auch patriotische Kriegsgedichte geschrieben. Daß von dem, was um ihn herum in der Luft liegt, manches auch in die Datscha Pasternaks eindringt und sich in dichten Schwaden über dem Schreibtisch ausbreitet – nicht dem unverdrossenen und unbeugsamen Schiwago-Autor darf man das zum Vorwurf machen.

Von da her scheint sich die auffällig umfangreiche Übersetzungstätigkeit Pasternaks erklären zu lassen. Allerdings sollte man auch wissen und gegen allzu wirklichkeitsfremde Betrachtungen ausspielen: Übersetzungsarbeiten wurden in der UdSSR sehr gut und werden dort noch heute gut bezahlt. Sie können die Lebensgrundlage eines Autors sichern.

Pasternak, der in Marburg, der Hochburg des Neukantianismus, Philosophie studiert hatte, übersetzte Goethe, Kleist und Shakespeare. Von Goethe liegt der gesamte "Faust" vor, der Tragödie erster und zweiter Teil, einschließlich Zueignung, Vorspiel auf dem Theater, Prolog im Himmel.

Zunächst: Goethe – Übersetzungen haben in Rußland eine lange Tradition. Zu den frühesten Übersetzungen gehört die herrlichste, der Wurf eines Genies: "Über allen Gipfeln ist Ruh" in der Übersetzung von Lermontow. Auch der Faust ist schon oft übersetzt worden, zum Beispiel von Shukowskij, Gribojedow, Tjutchew, A.K.Tolstoj, Huber, Fet, Brjussow.