Von Martin Beheim-Schwarzbach

Die Vergebung des Nobelpreises für Literatur an Boris Pasternak ist ein selbstverständlicher Anlaß, sich mit ihm zu beschäftigen, und völlig belanglos bleibt es dabei, ob ihm die Entgegennahme der internationalen Ehrung hinter den Eisernen Vorhang verboten oder unter wieviel Atü Druck sie ihm abgeraten wird. Das ist eine Sache der Politik innerhalb eines Landes, welches gegenwärtig die Staatsform einer Schikanokratie hat, und hat nichts mit der geistigen Sachlage zu tun, nichts mit der Literatur, in deren Annalen Boris Pasternak als Dichter der Träger des Nobelpreises für Literatur im Jahre 1958 geworden ist.

Mag sein, daß dem Roman "Doktor Schiwago" in der öffentlichen Beurteilung manches, ja vielleicht vieles zugute kommt, was ihm infolge der besonderen Umstände seiner Verbreitung an Publizität zuteil wird. Färbungen und Verfärbungen sind dabei zu erwarten, und in gewissem Maß: auch verständliches scheint, als ob das Lyrisch; bei Pasternak stark in die Prosa einflösse und, infolge seiner Unübersetzbarkeit, die Beurteilung erschwerte. Vieles ist an ihm vielleicht sehr russisch und kann mit westlicher Mentalität kaum voll aufgenommen werden – wobei man wehmütig konstatiert, daß sich zu den größten russischen Epikern, auch wenn sie Erzrussen waren wie Dostojewskij und Tolstoj, für unsereinen doch immer ein Zugang finden ließ.

Gleichzeitig mit "Doktor Schiwago" erschien in Deutschland ein kleineres Buch –

Boris Pasternak: "Geleitbrief – Entwurf zu einem Selbstbildnis"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 184 S., 12,80 DM.

Auch aus diesem schmalen Bande zieht der Rezensent den Schluß, den er oben andeutete: daß es bei uns mit der vollen Aufnahmefähigkeit dieses russischen Dichters hapern mag. Der "Entwurf zu einem Selbstbildnis", eine lose Folge loser Skizzen autobiographischer Natur, ist stellenweise kaum verständlich und im ganzen, was die Gewinnung eines Bildes betrifft, das man sich von dem Manne machen möchte, recht unergiebig. Es muß dabei vorweg angemerkt werden, daß die Übersetzung von Gisela Drohla einen ganz vorzüglichen Eindruck macht, einfach durch ihr Deutsch erfreut; an der Übersetzerin wird es also schwerlich liegen. Namentlich die den Lyriker verratenden Stellen sind von starker Eindruckskraft:

"Der Zug setzte sich in Bewegung, und hinter ihm her, den Kopf gegen die Schienen schlagend, rollte eine Woge von Schluchzen, das nicht wie lautes Weinen, sondern wie Kuckucksrufe klang, unnatürlich zärtlich, und bitter wie Vogelbeeren