Am Falle Höß wird in aller Eindringlichkeit klar, daß Massenmord nicht mit persönlicher Grausamkeit, mit teuflischem Sadismus, brutaler Roheit und sogenannter "Vertiertheit" gepaart zu sein braucht, die man sich naiverweise als Attribut eines Mörders ausdenkt.

Höß’ Aufzeichnungen widerlegen diese allzu einfachen Vorstellungen radikal und offenbaren statt dessen als Porträt des Mannes, bei dem die Regie täglicher Judenvernichtung lag, einen Menschen, der alles in allem recht durchschnittlich geartet, keineswegs bösartig, sondern im Gegenteil ordnungsliebend, pflichtbewußt, tierliebend und naturverbunden, ja, auf seine Weise "innerlich" veranlagt und sogar ausgesprochen "moralisch" ist. Höß ist das exemplarische Beispiel dafür, daß alle solche Bürgertugenden nicht vor Inhumanität bewahren, sondern pervertiert und in den Dienst des politischen Verbrechens gestellt werden können.

Weil Höß’ Aufzeichnungen die eines durchaus kleinbürgerlich normalen Menschen sind, machen sie so betroffen; denn sie erlauben es nicht länger, eine kategorische Unterscheidung zu treffen zwischen denen, die nur aus Idealismus und Pflichtgefühl bei der Sache waren, und denen, die – vermeintlich – von Natur aus grausam, das gute Wollen der anderen durch ihr teuflisches Handwerk verdarben. Am Beispiel Höß wird damit auch offenkundig, daß das Wesen der im Dritten Reich hervorgebrochenen Unmenschlichkeit verkannt wird, wenn man die Gaskammern und Konzentrationslager allein auf eine besonders teutonische Grausamkeit zurückführt.

Unbestreitbar sind die Konzentrationslager mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auch ein Sammelpunkt besonders verkommener, verrohter und gefühlloser Figuren aus den Reihen der SS geworden, wobei die systematische Erziehung der SS-Wachmannschaften zur unbedingten Härte und der ideologische Appell an niedrigste Haßinstinkte entscheidend mitwirkte. Himmler, Heydrich oder Eicke (der Inspekteur der Konzentrationslager) duldeten und deckten auch vielfach die Willkür und Schikane einzelner Kommandanten und Bewacher gegenüber den Häftlingen und stellten sie gelegentlich bewußt in Rechnung, um den Terror zu steigern.

Doch dergleichen diabolisches Kalkül mit niedrigsten Gesinnungen und Trieben machte, so gewiß sich Himmler – in der Attitüde des großen Machiavellisten – darin gelegentlich gefiel, doch nicht das Typische des Systems aus und entsprach auch nicht eigentlich Himmlers Wunschvorstellungen. Willkürliche Quälerei der Häftlinge durch einzelne SS-Funktionäre und persönliche Lust oder gar Bereicherung am Los der Gefangenen galten Himmler ebenso als "Schwäche" wie umgekehrt alle Regungen des Mitleids.

Das Ideal war der disziplinierte Lagerkommandant vom Schlage eines Höß, der sich rücksichtslos durchsetzte, vor keinem Befehl zurückschreckte, aber dabei persönlich "anständig" blieb. Als Leiter des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau erfüllte Höß aufs beste die Vorstellungen Himmlers, der am 4. Oktober 1943 vor dem obersten Führerkorps der SS im Hinblick auf die Judenvernichtung erklärte:

"Wenn 1000 Leichen daliegen"