Von Josef Müller-Mnrem

Der gewichtige Minister für Gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer‚ ist ein meisterlicher Skatspieler. Diese Leidenschaft für Bube, Dame, König, As teilt er, der CDU-Mann, mit dem Chef der SPD, Erich Ollenhauer. Ob sie manchmal gemeinsam am Skattisch sitzen und beim Null ouvert "Hosen runter!" rufen, weiß ich nicht. Gern will ich den Winken des Justizministers Schäffer folgen, die hoffentlich nie Gesetz werden: gern also will ich mich hier hüten, mit öffentlicher Feder in die Privatsphäre unserer lieben Nächsten einzudringen.

Kürzlich verhandelte Lemmer stundenlang mit Ollenhauer, fuhr gleich darauf zu seinem Freunde Walter Henkels nach Godesberg, um im Verein mit einem dritten Journalisten Skat zu spielen, wobei er eine Kleinigkeit vergaß: meine Wenigkeit, die verabredungsgemäß wartete, um ihn selbst zu sprechen, ehe dieser, hier vorliegende Bericht geschrieben wurde. Mein vergebliches Warten und mein anschließendes ebenso vergebliches Bemühen, ihn aufzufinden, erbrachte mir immerhin einige "Unterlagen" über die Art, wie Lemmer und Ollenhauer miteinander zu verhandeln pflegen: Hart knallt man die Karten auf den Tisch, Logik beherrscht den Augenblick, aber die Stimmung bleibt vertrauensvoll und gemütlich, denn morgen wird man wieder miteinander spielen. (Ach, wieviel besser wäre das Verhältnis zwischen Regierung und Opposition, wenn Dr. Adenauer ein Skatspieler wäre!)

Um auf Lemmer zurückzukommen: Er ist die vollkommene Mischung zwischen einem Remscheider und einem Berliner. In Remscheid wie in Berlin wohnen rebellische Idealisten und Optimisten, Gläubige übrigens, die sich gern als Skeptiker tarnen. Seit 37 Jahren wohnt Lemmer in Berlin. in Bonn aber, wo er in zwei bescheidenen Zimmern baust, ist er nicht einmal polizeilich gemeldet.

Einmal, nämlich "tausend Jahre" lang, gehörte Lemmer zu jener gar nicht allzu kleinen Gruppe von Schriftstellern, denen es gelang, als "Biedermänner" oder "abseitige Fachleute" maskiert, den Nazis nicht den kleinen Finger zu reichen, und die doch am Leben blieben. Dann kamen die Sowjets. In dem gemütliche. kleinen Haus, das Lemmer in Klein-Machnow besaß, einem Berliner Vorort, der heute zur "Zone" gehört, erschien damals ein sowjetischer Offizier.

"Wie du heißen?" – "Lemmer." – "Vordername?" – "Ernst" – "Beruf?" – "Journalist." Der Offizier prüfte seine Liste. "Du nicht gelogen. Du Bürgermeister!" – "Nee!", sagte Lammer, was ein zugleich berlinisches wie remschei-Fisches Merkmal der Verstocktheit ist. Da zog der Offizier die Pistole: "Du Bürgermeister oder – tot!" – "Dann lieber Bürgermeister!", erwiderte Lemmer. Und dies war sein Eintritt in die aktive Politik.

Als wir schließlich beisammen saßen, nachdem er seinen journalistischen Skat in Godesberg mit Gewinn erledigt hatte, erzählte Lemmer, wie das war, als sie damals die CDU in Berlin gründeten: Hermes, Kaiser, Steltzer, Probst Grüber, Sauerbruch, Friedensburg und – Otto Nuschke. Eine Gruppe von Männern, die alles Leid gesehen und manche Gefahr im "Dritten Reich" erduldet hatten. Politiker, Verwaltungsfachleute, Journalist, Pfarrer, Chirurg – sie gemeinsam gründeten eine Partei christlicher Gesittung und demokratischer Gesinnung. Eine westdeutsche CDU gab es damals – am 14. Juni 1945 – noch nicht. Die Amerikaner, Engländer und Franzosen fühlten sich noch als Racheengel und trugen die Gurte der MP’s lässig um ihre Flügel geschlungen, als die Sowjets schon an die Zukunft dachten.