RH– Geesthacht

Historische Sehenswürdigkeiten schenken einen Blick in versunkene Zeiten: Bronzezeitalter und Totenhaus können besichtigt werden und die Wunderwerke moderner Technik."

So preist der Prospekt von Geesthacht und seinem kleinen Ausläufer Tesperhude ‚die Luftkurorte an der Elbe‘ an.

Und dabei war, als der große Bogen zwischen Frühzeit und Moderne hier als werbewirksam in Druck ging, das Allermodernste von Geesthacht-Tesperhude noch gar nicht vorhanden: der Kernreaktor der "Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Schiffbau mbH."

Jetzt gibt es ihn. Am 28. Oktober wurde er in Betrieb genommen. Neuneinhalb Millionen Mark hat er gekostet. Viele Millionen ideelle, was das Ansehen deutscher Forschung und Schiffahrt angeht, und viele zählbare erhofft man sich dadurch, daß er der weiteren Forschung und der Konstruktion von kernenergiegetriebenen Schiffen dienen wird.

Zwischen den versunkenen Bronzezeiten und der Atomgegenwart liegt der kleine Ort Geesthacht mit seinem Ableger Tesperhude an der Elbe oberhalb Hamburgs, Dampfer- und Ausflugsziel. Er liegt sozusagen in der versunkenen Gegenwart. Kleinstädtische Wohnhäuser stehen da, und die gelben Blätter fallen schaukelnd von den Bäumen. Die Elbe hat Niedrigwasser – die Bojen zeigen flachliegend in Richtung Cuxhaven, und am jenseitigen Ufer sieht man Fachwerkgiebel von Bauernhäusern über dem Deich.

In einem Fabriksaal hundert Schritte von hier stehen Reihen von rotbraun gepolsterten Wohnzimmerstühlen. Auf vier, ebenfalls gemütlich wohnzimmerartig wirkenden, mit Nußbaum und Gold eingerahmten Fernsehapparaten flackern Skalen, anzusehen wie Zentimetermaße, das Zifferblatt einer Uhr und die Schrift ‚Reaktor in Betrieb‘. Alles das bedeutet noch gar nichts; denn die Einweihung soll um drei Uhr sein, und es ist erst halb zwei.