Von Wolfgang Altendorf

Die Zwiespältigkeit des Menschen zeigt sich nirgends so deutlich wie im Übergangsstadium vom Flegel zum Jüngling. Spätestens mit Beginn der ersten zarten Regungen bemüht sich der Mensch, dem Menschen zu gefallen, und es ist durchaus bemerkenswert, daß diese Bemühung sich nicht allein auf das andere Geschlecht beschränkt. Gewiß, die Pomade, mit der ein Jüngling seinen widerspenstigen Schopf angenehm zu glätten sucht, dient vorwiegend dazu, das Herz der Angebeteten zu bezaubern. Aber auch wenn er auf prosaischeren Pfaden wandelt, bemüht er sich, sein Äußeres vorteilhaft zu verändern. Sein Persönlichkeitsbewußtsein ist erwacht. Er fühlt sich als individuelles Mitglied der menschlichen Gesellschaft und tritt aus der Herde aus. Dies hat zur Folge, daß die geheimen Bünde der Kindheit – als da sind "Die schwarze Hand", "Der alte Rat" oder "Die blutige Verschwörung" – zerbröckeln und ein erst viel später bedauertes Ende finden. Der Pferdeschwanz der kleinen Nachbarin, zuvor ein Objekt tückischer Streiche, gevinnt fast sakrale Bedeutung. An Stelle toter Mäuse werden von nun ab zarte Träume an ihn geknüpft.

Die Kindheit ist zu Ende. Jetzt gilt es Mensch zu sein. Man fühlt sich als Mittelpunkt aufmerksamster Beobachtung und erschrickt vor dem was der unbestechliche Spiegel verkündet: Deine Ohren stehen ab, deine Nase ist entweder zu lang oder zu kurz, dein Mund in jedem Falle zu breit. Ich kann dir nur diesen Rat geben: verstecke dich!

Trotzdem bemerkt der Jüngling, daß diese Welt vortrefflich eingerichtet und ausreichend über seine Kümmernisse orientiert ist. Listig preist sie die Erzeugnisse der Schönheitsindustrie zwar mit der Dame an. Unvoreingenommen erhebt jedoch auch er Anspruch auf den zarten Teint jener. Filmschauspielerin, den diese sich mit Hilfe der angepriesenen Schönheitsseife zugelegt hat. Und weshalb sollte das "duftig gewellte Haar" nicht auch sein Haupt zieren, wenn dazu nichts weiter nötig ist als ein Haarwaschmittel, dessen wohltätige Wirkung so überzeugend im Bilde dokumentiert wird? Wie bezeichnend überdies, daß – in der Literatur als verstaubt längst beiseite geschoben – hier die klangvollen Namen der Antike und Klassik noch echte Triumphe feiern.

Verlieren wir uns jedoch nicht in Oberflächlichkeiten. Mit der äußeren geht auch eine innere Verwandlung in dem Jüngling vor. In vielen Fällen ist sie geradezu wunderbar und faszinierend.

Es beginnt etwa damit, daß er seiner Mutter unvermutet und ohne vorherige Warnung in den Mantel hilft. Das verschlägt ihr nicht nur die Sprache, nein, sie wird auch nachdenklich. Sie sieht ihn prüfend an und wirft einen unruhigen Blick auf das Telephon, um, sollte sich ihre erste Vermutung bestätigen, den Hausarzt zur Konsultation zu bitten.

Aber bald gewöhnt sie sich daran. Niemals jedoch wird sie den wahren Kern dieser überraschenden Ritterlichkeit aufspüren: Er übt, nichts weiter. Er übt sich in der Kunst, der Hohen Schule des Gefallens.