Von Hans Gresmann

Es war der Fähnrich mit der Cäsarenfrisur, oder: um mich genauer auszudrücken: es war der Fähnrich, dessen Haare auf sehr unmilitärische Weise vom Hinterkopf in Richtung Stirn gekämmt waren, der meine Aufmerksamkeit von Anfang an fesselte. Das war in Loccum, und das Thema der Tagung in der Evangelischen Akademie hieß: Das Problem der Autorität. Es spitzte sich am dritten Tage auf die Frage zu: Das Problem der Autorität in einer modernen Armee.

Hier in Loccum, dem Klostergebiet, in das im 12. Jahrhundert die Zisterzienser-Mönche einzogen und in dem heute, zur Mitte des 20. Jahrhunderts, Offiziere unserer Bundeswehr sich zu einigen Tagen der Selbstbesinnung versammelten, gab es intensive, ausdauernde und bohrende Diskussionen über die Frage, wie in einer Armee von heute die Frage der Autorität des Vorgesetzten sich regele.

Wer über eine Erörterung mit Offizieren über das Thema der Autorität und Disziplin zu berichten hat, tut gut daran, von vornherein eine vielleicht etwas provozierende, aber gewiß notwendige Feststellung zu machen. Auch in einem demokratischen Staatsleben gibt es eine Institution, die, ist sie einmal geschaffen, in gar keiner Weise demokratisch organisiert sein kann: die Armee.

Die Armee, eine Einrichtung, die für den Ernstfall der Verteidigung geschaffen ist, muß straff organisiert werden nach dem Gesetz von Befehl und Gehorsam, von Überordnung und Unterordnung. Jeder Gesetzgeber, der die Struktur einer Armee zu konzipieren hat, muß sich in seinen Vorkehrungen auf den Normalfall einrichten, nämlich darauf, daß der Befehl von der Spitze reibungslos bis zu den unteren, ausführenden Organen läuft.

Das ist, wie gesagt, der Normalfall, der die potestas, die Befehlsgewalt des Offiziers, ohne die jegliche Armee undenkbar ist, in Rechnung stellt. Damit ein solcher Befehl aber nicht nur blinden, ergebenen Gehorsam findet, sondern auctoritas hat, Autorität gegenüber denjenigen, die ihn befolgen müssen, bedarf es mehr als nur der bloßen Befehlsgewalt.

Diese wichtige Frage, der sich heute die Bundeswehr gegenübersieht, mag zunächst ein wenig theoretisch klingen, doch sei hier die Äußerung eines Hauptmanns zitiert, die ich in Loccum als unfreiwilliger Zuhörer auffing: "Das Problem ist, wie weit soll ich mich von den Menschen, die mir anvertraut sind, entfernen? Unter zu großer Nähe kann die Autorität leiden. Persönlicher Kontakt ist sicherlich gut – aber doch wohl nur mit Maß. Vor 1939 hatte es der Kompaniechef leichter, denn seine Macht war größer. Heute ist mehr Autorität nötig."