Von Max Rychner

Die Publikation eines Bandes bisher ungedruckter Notizen von Friedrich Schlegel ist ein literarisches Ereignis großer Ordnung, über das man freudig sprechen soll. Es ist verwunderlich, wie leicht die Kritik auf diese Texte eines der größten Kritiker zu verzichten verstand und was sie dafür alles wichtig nahm. Schlegels Bruder August Wilhelm hat ihm zuerkannt, daß er in der kurzen Form sein Bestes erreiche; es ist wohl so. Friedrich vermochte sich der Fülle seiner in der genialischen Jugend ihm zuströmenden Ideen, Gedanken, Einfälle, Assoziationen nicht recht zu erwehren; aus ihr hätten noch drei andere Schriftsteller ihr Dasein bestreiten können. Am schönsten auf sie eingegangen und an ihr zu sich selbst erwachsen ist Novalis, der Jugendfreund.

Vor dem ersten Weltkrieg besaß die Stadtbibliothek Trier sieben unveröffentlichte Notizhefte Schlegels; der Entdecker Josef Körner, dessen Verdienste um die Erforschung und Vergegenwärtigung der deutschen Romantik immer wieder hervorgehoben werden müssen, hat dann 1913, außer anderem, auchnoch acht weitere solche Notizhefte entdeckt, die von der Preußischen Staatsbibliothek erworben wurden. Da waren sie gerettet für die Wissenschaft, und da vor deren Augen ein Jahrhundert wie ein Augenblick ist, geschah vorläufig denn auch nichts.

Seit einigen Jahren strömt nun der Schlegel-Forschung wieder Leben zu. Jetzt legt uns der Professor an der Queen’s University Kingston, Ontario, die ersten drei Notizhefte Friedrich Schlegels aus den insgesamt fünfzehn vor:

Friedrich Schlegel: "Literary Notebooks", herausgegeben von Hans Eichner (deutscher Text, englischer Kommentar); The Athlone Press, London; 342 S., 50 s.

Vorwort und Kommentar zu Schlegels Notizen sind englisch abgefaßt, diese selbst erscheinen in ihrer deutschen Urfassung, die Abkürzungen, Sigel, Privatzeichen sind aufgelöst, was den Text bequemer lesbar macht. Eigentlich sollten solche zweisprachigen Ausgaben, wofern es sich um die großen europäischen Literatursprachen handelt, zur Selbstverständlichkeit werden; das Nationale ist ja durch ein dichtes Beziehungsgespinst unserer Literaturen untereinander relativiert: Mythen, Sagen, Gedanken und Formen aus Antike, Christentum, Orient, aus den Wissenschaften wanderten beständig über alle Grenzen mit der Tendenz, in einzelnen Köpfen dichterisch fruchtbar zu werden.

Dafür eben ist Friedrich Schlegel ein Beispiel: nicht dichterisch zwar, aber kritisch istin ihm fast alles fruchtbar geworden, was damals als Weltliteratur bekannt war. (Die indische hat er in seinen späteren Jahren erschließen geholfen.)