Obwohl sich die Museen und Galerien alle Mühe geben, die manchmal ausgefahrenen Gleise des Ausstellungsbetriebes zu erneuern, wird doch immer wieder vor lauter Betriebsamkeit das Nächstliegende übersehen. Typisches Beispiel einer erst jetzt getilgten Unterlassungssünde, die unser aller Gewissen belastete, ist die große Gedächtnisausstellung der Künstlergemeinschaft "Brücke" im Essener Folkwangmuseum.

Heinz Köhn, der sie mit Hilfe von Martin Urban vom Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum zustande gebracht hat, behauptet in dem vortrefflichen Katalog mit Recht, daß die längst fällige Ausstellung der "Brücke"-Maler nicht minder bedeutend sei als die schon vor Jahren veranstalteten Rückblicke auf den "Blauen Reiter" und das "Bauhaus".

Es ist nicht nur der genius loci, der dieser Erinnerung an die heroischen Anfänge des Expressionismus im Folkwang besonderen Nachdruck verleiht. Das Essener Museum ist auch in der glücklichen Lage, mit der "Brücke"-Ausstellung sein zu zwei Dritteln vollendetes neues Haus zu eröffnen. Auch ohne den Folkwangsaal, der im dritten Bauabschnitt hinzukommen wird, läßt sich bereits die vorbildliche Anlage des schlichten, auf seine Funktionen hin entworfenen Bauwerks beurteilen. Die sich frei entfaltende, um zwei Binnenhöfe geordnete Raumfolge mit einer Fülle des schönsten Seitenlichtes ist bezeichnend füreine der gelungensten Museumsbauten in Deutschland.

Dort haben die expansiven Bilder der "Brücke"-Maler den weiten Raum, den sie brauchen, um atmen und wirken zu können – und wo sie auch in chronologischen Gruppen gehängt werden durften, ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen. So ermöglichen die Räume, in denen die Entwicklung der "Brücke" vom Gründungsjahr 1905 bis zur Selbstauflösung 1913 dargestellt wird, ein einmaliges und höchst wirkungsvolles Ensemble. Selbst der erfahrene Besucher, der viele Bilder schon in anderer Umgebung gesehen hat, wird aus der Essener Darbietung neuen Gewinn davontragen.

Die Veranstalter haben der Auswahl der Bilder und der Dokumentation dankenswerte Sorgfalt gewidmet – mit einer einzigen Unterlassung: sie vergaßen die höchst aufschlußreiche Holzplastik der "Brücke". In den polychromen Figuren von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff und Pechstein, die zum großen Teil im Bildersturm von 1937 untergegangen sind, findet man nicht nur die Parallelen zu den Bildern, sondern auch deren Ursprung.

Aber die Essener Schau umfaßt außer 166 Gemälden und 248 Aquarellen, Handzeichnungen und Drucken auch sämtliche Jahresmappen, die Mitgliedskarten der passiven Mitglieder und die Plakate von den gemeinsamen Ausstellungen der "Brücke"-Maler in Dresden, Oldenburg und Berlin.

Es muß ebenfalls hervorgehoben werden, daß man in Essen den Begriff "Brücke" historisch exakt interpretiert hat. Der Überblick beschränkt sich nicht nur auf die Hauptmeister der Gruppe E. L. Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein, sondern er berücksichtigt auch die kurze "Brücke"-Mitgliedschaft von Emil Nolde, den später dazugestoßenen Otto Mueller und sogar die "korrespondierenden" Mitglieder Cuno Amiet, Rees van Dongen und Axel Gallen-Kallela, nicht zu vergessen schließlich das Gründungsmitglied Fritz Bleyl, dessen, vorübergehende Künstlerlaufbahn durch einige Zeichnungen und Holzschnitte dargestellt wird.

Die Schau enthält zahlreiche Werke aus Privatsammlungen, Künstlerbesitz und ausländischen Museen, Stücke, die man sonst selten zu Gesicht bekommt. Ich nenne nur Erich Heckels großartiges Triptychon "Genesende Frau" (1913) aus dem Busch-Reisinger-Museum der Harvard Universität und Kirchners "Varieté" (1907) aus deutschem Privatbesitz – um einen Eindruck von dieser großartigen Ausstellung zu vermitteln, die nur in Essen (bis zum 14. Dezember) zu sehen ist. Eduard Trier