KZ-Kommandant Höß – Selbstporträt eines Unmenschen – Die Ofen von Auschwitz brannten Tag und Nacht (Schluß)

Von allen Hypotheken, die das Hitlerregime dem deutschen Volk aufgebürdet hat, ist dies die schwerste: Die Vernichtung von fünf bis sechs Millionen Juden in den Gaskammern der nationalsozialistischen Konzentrationslager. "Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern, aber man kam dafür sorgen, daß sie nicht wieder vorkommen", schrieb Anne Frank, die selbst in einer Gaskammer umgebracht wurde, in ihr Tagebuch. Um das mahnende Gewissen wachzuhalten, hat die ZEIT in ihren letzten beiden Nummern Auszüge aus den autobiographischen Aufzeichnungen des Auschwitzer KZ-Kommandanten Rudolf Höß veröffentlicht. Wir bringen heute den Schluß der Höß-Aufzeichnungen, der die Methodik darlegt, mit der die Judenverfolgung "zur Durchführung gebracht" wurde – wie es im Vokabular der Unmenschen hieß, als habe es sich bei der Ausrottung von Millionen Menschen um eine Schädlingsbekämpfungsaktion gehandelt, die hygienisch "abgewickelt" werden sollte. Zugleich geben wir dem Herausgeber der Höß-Aufzeichnungen, Dr. M. Broszat vom Münchener Institut für Zeitgeschichte, das Wort zu einer abschließenden Bemerkurg.

Zu welcher Zeit die Judenvernichtung begann, vermag ich nicht mehr anzugeben. Wahrscheinlich 1942. Es handelt sich zuerst um Juden aus Ostoberschlesien. Diese Juden wurden durch die Staatspolizei(Stapo)-Leitstelle Kattowitz verhaftet und in Transporten mit der Bahn auf ein Abstellgleis auf der Westseite der Bahnstrecke Auschwitz-Dziedzice gebracht und dort ausgeladen. An der Bahnrampe wurden die Juden von einer Bereitschaft des Lagers von der Stapo übernommen und in zwei Abteilungen durch den Schutzhaftlagerführer nach dem Bunker, wie die Vernichtungsanlage bezeichnet wurde, gebracht. Das Gepäck blieb an der Rampe und wurde dann nach der Sortierstelle gebracht. Die Juden mußten sich bei dem Bunker ausziehen, es wurde ihnen gesagt, daß sie zur Entlausung in die auch so bezeichneten Räume gehen müßten. Alle Räume, es handelte sich um fünf, wurden gleichzeitig gefüllt, die gasdicht gemachten Türen zugeschraubt und der Inhalt der Gasbüchsen durch besondere Luken in die Räume geschüttet.

Propaganda gegen Rauchfahnen

Nach Verlauf einer halben Stunde wurden die Türen wieder geöffnet, in jedem Raum waren zwei Türen, die Toten herausgezogen und auf kleinen Feldbahnwagen auf einem Feldbahngleis nach den Gruben gefahren. Die ganze Arbeit, Behilflichsein beim Ausziehen, Füllen des Bunkers, Beseitigung der Leichen sowie das Ausschachten und Zuschütten der Massengräber wurde durch ein besonderes Kommando von Juden durchgeführt, die gesondert untergebracht waren und laut Anordnung Eichmanns (die Dienststelle Eichmann war die zentrale Befehlsstelle bei der Vernichtung der im deutschen Machtbereich lebenden Juden – Red.) nach jeder größeren Aktion ebenfalls vernichtet werden sollten.

Während der ersten Transporte schon brachte Eichmann einen Befehl des Reichsführers SS (RFSS), wonach den Leichen die Goldzähne auszuziehen und bei den Frauen die Haare abzuschneiden seien. Diese Arbeit wurde ebenfalls von dem Sonderkommando durchgeführt. Die Aufsicht bei der Vernichtung hatte zu der Zeit jeweils der Rapportführer. Kranke Personen, die man nicht in die Gasräume bringen konnte, wurden durch Genickschuß mit dem Kleinkalibergewehr getötet. Ein SS-Arzt mußte ebenfalls zugegen sein. Das Einwerfen des Gases erfolgte durch die ausgebildeten Desinfektoren.

Noch im Sommer 1942 wurden die Leichen in die Massengräber gebracht. Erst gegen Ende des Sommers fingen wir an mit der Verbrennung; zuerst auf einem Holzstoß mit zirka 2000 Leichen, nachher in den Gruben mit den wieder freigelegten Leichen aus der früheren Zeit. Die Leichen wurden zuerst mit Ölrückständen, später mit Methanol übergössen. In den Gruben wurde fortgesetzt verbrannt, also Tag und Nacht. Ende November 1942 waren sämtliche Massengräber geräumt. Die Zahl der in den Massengräbern vergrabenen Leichen betrug 107 000.