H. W., Idorf

Besäßen Gemeindevertreter der kleinen Marschenstadt Marne etwas von jener Halsstarrigkeit, die man den Dithmarschern nachsagt, dann hätten sie wahrscheinlich gegen jenes Urteil Beschwerde eingelegt, mit dem das Oberverwaltungsgericht Lüneburg kürzlich in Meldorf einen Strich unter den Marner Bürgermeisterstreit zog. Doch die Stadtväter Marnes gaben sich nach dem Meldorfer Urteil geschlagen: Sie veröffentlichten kurz darauf eine Anzeige, in der sie bekanntmachten, daß sie aufs neue einen Bürgermeister suchen. Einen Bürgermeister freilich, der vor allem seine Befähigung als Verwaltungsfachmann nachweisen könne.

Denn darum ging es in diesem Streit: der Kaufmann Wilhelm Tietz aus Heide, den die Marner 1957 zum neuen Bürgermeister bestellt hatten, war kein Verwaltungsfachmann. Zwar war er nicht völlig ohne Amtsstubenerfahrung, denn er hatte zwei Jahre lang das Ernährungsamt des Kreises Norderdithmarschen geleitet. Aber die Marner wählten ihn vor allem, weil er ein Mann der Wirtschaft war und sie auf dem Standpunkt standen, daß in ihrer Stadt ein solcher Mann notwendiger sei als ein Mann der Verwaltung. Diesen Standpunkt teilte allerdings der Süderdithmarscher Landrat Dr. Schücking keineswegs. Er legte gegen die Bürgermeisterwahl Widerspruch ein. Begründung: Wilhelm Tietz besitze als Kaufmann nicht die notwendigen Verwaltungserfahrungen. Die Marner blieben hart und brachten den Streitfall vor das Landesverwaltungsgericht. Dieses aber gab ihnen recht.

Gegen dieses Urteil legte das Land Schleswig-Holstein Berufung beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg ein. Die Lüneburger Richter kamen nach Meldorf, sahen, hörten, verhandelten – und hoben das Schleswiger Urteil in allen seinen Punkten auf. Sie erkannten zwar an, daß in der Beurteilung der Fähigkeiten eines Bewerbers für beide Parteien ein Spielraum gegeben sei. Aber sie stellten sich auf den Standpunkt, daß bei Meinungsverschiedenheiten in der Frage der Eignung der Meinung der übergeordneten Stelle entsprochen werden müsse.

Die Marner verzichteten auf eine Beschwerde. Sie sind müde geworden. Bei den Selbstverwaltungsorganen fand das Meldorfer Urteil jedoch ein lebhaftes Echo – aber kein positives. Sie nannten das Urteil einen Schlag gegen die Selbstverwaltung und stellten die beunruhigende Frage: Wohin kommen wir, wenn immer jener Recht behalten soll, der das höhere Amt hat?