Von R. W. Leonhardt

Der Besuch des Bundespräsidenten war verfrühe, war schlecht vorbereitet, war überhaupt verfehlt. Die Engländer sind noch immer antideutsch, sie neiden uns unsere Wirtschaftskraft, sie sind voller Ressentiments gegen die Bundesrepublik.

All dies konnte man – so oder ähnlich – während der vergangenen Woche hören; und nichts davon ist wahr. So einfach ist das alles nicht. Sehr vieles spielt da zusammen und durcheinander; versuchen wir, ein paar Fäden aus diesem höchst komplizierten Gewebe zu lösen.

Tatsache ist, daß die Herzlichkeit, mit der Bundespräsident Heuss von den Mitgliedern der englischen Regierung und von der Königin zu einem Staatsbesuch empfangen wurde, nicht in jedem Falle den Gefühlen entsprach, die den Mann auf der Straße, die Frau im Büro, den Professor auf dem Katheder, den Gewerkschaftsfunktionär im Betrieb – wenn Sie solche Verallgemeinerungen gelten lassen wollen – bewegten.

So weit sind sich beinahe alle einig. An der Frage nach den Gründen scheiden sich die Geister, und in der Tat ist diese Frage schwer zu beantworten, da menschliche "Reaktionen" mit den chemischen eben nur den Namen, nicht aber eine mühelos analysierbare Gesetzmäßigkeit gemein haben.

Träge Bequemlichkeit verbindet sich mit begreiflichem Streben nach Gemütsruhe und beschließt, das Brett der Verständnislosigkeiten an der dünnsten Stelle zu durchbohren. Das hört sich dann so an: "Alles wäre in der schönsten Ordnung, wenn nur die englische Presse sich etwas freundlicher verhalten hätte." Wenn also – heißt das doch wohl – William Connor, der seine düsteren Visionen im Daily Mirror als "Kassandra" veröffentlicht, krank gewesen wäre, und wenn Professor A. J. P. Taylor, der in den Zeitungen Lord Beaverbrooks (vor allem im Sunday Express) gerne Attacken gegen uns reitet, nützlichere akademische Beschäftigung gehabt hätte, dann hätte nichts den Geist friedlicher Eintracht, wie er im Zeremoniell vorgesehen war, stören können. Und auch das ist nun eben einfach nicht wahr. Ein bißchen erschreckend war es, diese Version in manchen deutschen Zeitungen zu lesen, wo man doch wissen müßte, daß auch in redaktionellen Giftküchen (die seltener sind, als zuweilen angenommen wird) nichts zusammengebraut werden kann, wozu nicht die Außenwelt die "Ingredienzien" liefert.

Mr. Connor ist ein wackerer Ire, der gemütlich seine Pfeife schmaucht und sich gerne ein bißchen als Volkstribun fühlt; Professor Taylor ist einer der geistreichsten und witzigsten Leute, die man sich vorstellen kann, ein amüsanter Plauderer, ein leidenschaftlicher Polemiker und ein Gelehrter von Rang. Beide haben etwas gegen Deutschland – Connor, weil er es nicht kennt, und Taylor, weil er es zu gut kennt.