Die ersten regelmäßigen Kinovorstellungen in Berlin (von Max und Emil Skladanowsky) begannen am 1. November 1895 im Wintergarten. Wer das damals als 17jähriger miterlebte, ist nun achtzig Jahre alt. Es wird bald niemanden mehr geben, der die Entwicklung der Filmkunst noch selber erlebt hat, und es war an der Zeit, einmal eine Bilanz zu versuchen. Diese so schwierige Aufgabe stellte die belgische Cinematheque 117 Filmhistorikern, die die Entwicklung großenteils miterlebt und in ihren Büchern dargestellt haben.

Um die "zwölf besten Filme aller Zeiten" zu ermitteln, bat man die Filmhistoriker, die ihrer Meinung nach bedeutendsten aus 60 Jahren Filmgeschichte zu nennen. Es ergab sich eine Liste von 609 Filmen, darunter zum Beispiel Walt Disneys "Schneewittchen", der als erster Zeichentrick-Spielfilm wohl eine gewisse historische Bedeutung hat, auch "nett" ist, aber eben nur nett. Die unklare Fragestellung war sehr verwirrend. – Als meistgenannte Filme wurden ermittelt: 1. Eisenstein, Rußland (1925), "Panzerkreuzer Potemkin" (100 Stimmen); 2. Chaplin, USA (1925), "Goldrausch" (85 Stimmen); 3. deSica, Italien (1948), "Fahrraddiebe" (85 Stimmen); 4. Dreyer – von den Dänen in Frankreich gedreht – (1928), "Jeanne d’Arc" (85 Stimmen); 5. Renoir, Frankreich (1937), "Die große Illusion" (72 Stimmen); 6. vonStroheim, USA (1923), "Gier" (71 Stimmen); 7. Griffith, USA (1916), "Intoleranz" (61 Stimmen); 8. Pudowkin, Rußland (1926), "Die Mutter" (54 Stimmen); 9. Welles, USA (1941), "Citizen Kane" (50 Stimmen); 10. Dowtschenko, Rußland (1930), "Die Erde" (47 Stimmen); 11. Murnau, Deutschland (1924), "Der letzte Mann" (45 Stimmen), 12. Wiene, Deutschland (1919), "Das Kabinett des Dr. Caligari" (43 Stimmen).

Diese Filme wurden auf einem Festival zum Abschluß der Brüsseler Weltausstellung gezeigt, und der Erfolg beim Publikum war groß. Es ist ja leider so, daß die Filmwirtschaft auch gute Filme in der Regel nach fünf Jahren aus den Kinos verschwinden läßt, und dann ist man auf schlechte und unvollständige Kopien angewiesen, die in Film-Klubs und ähnlichen Vereinigungen aus privaten Archiven gezeigt werden. Daraus, daß man sehr nachlässig dabei verfährt, die Filmkunst der Nachwelt zu erhalten, erklären sich manche filmhistorischen Fehlurteile. Der Film, den wir nach Jahren sehen, ist oft nicht mehr der, den der Regisseur gedreht hatte. Was von der Filmkunst nach 50 Jahren noch vorzuweisen ist, entspricht ungefähr dem, was von römischer Fresken-Malerei über 2000 Jahre auf uns gekommen ist.

Pudowkins Film "Mutter" wurde in Brüssel in einer guten Kopie nach dem Original-Negativ gezeigt. Ein Fluß, die Newa, spielt darin eine bedeutende Rolle. Zunächst läßt er die Jahreszeit erkennen: es ist Frühling. Als die Mutter ihren Sohn im Gefängnis besucht und ihn von dem Befreiungsplan verständigt, wird der Fluß, der sich vom Eise befreit, zum Symbol des Freiheitsdranges. Später, im Laufe der gemeinsamen Aktion der Gefangenen und der demonstrierenden Arbeiter wird er – immer wieder ganz kurz, wie beiläufig gezeigt – Sinnbild des revolutionären Aufbruchs, der sich dann an den auf der eisernen Brücke anrückenden Soldaten bricht wie der Fluß an den Pfeilern dieser Brücke. Und der Betrachter soll erkennen und erkennt, die Revolution wird weitergehen wie der Fluß. Wo sah man je diese Montage-Komposition in ihrer ganzen Schönheit, die man in Bruchstücken abgespielter Kopien nur hatte erahnen können?

Dowtschenkos "Erde" ist ein Epos aus der Ukraine, das völlig undramatisch von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen in einem Dorf nach der russischen Revolution erzählt. Da kommt zum Beispiel ein neuer Traktor, und ein großer Teil der Menschen ist mißtrauisch. Man hat die Feldarbeit unterbrochen, und mit den Tieren steht man da und wartet. In einer kurzen Sequenz sieht man einen Ochsen, zwei, drei Menschen, eine Gruppe, die so verständnislos dasteht wie die Ochsen, mit denen sie in dieser Montage verglichen werden.

Auch die übrigen erwählten Filme, Eisensteins unvergessener "Panzerkreuzer Potemkin" und amerikanische und europäische Werke, die in den letzten Jahren alle in Deutschland in Sonderveranstaltungen und in den Filmkunsttheatern zu sehen waren, zeichneten sich dadurch aus, daß sie spezifisch filmische Mittel und Möglichkeiten meisterhaft einsetzten.

Um die besten Filme bestimmen zu können, wurden in Brüssel zwanzig weitgehend unbekannte Filme zusätzlich vorgeführt, die der eine oder andere Film-Historiker für besonders interessant hielt. Es wurde zum Beispiel die erste russische Verfilmung "Der Einundvierzigste" von Protasanow aus dem Jahre 1927 gezeigt, damals noch ohne Ton und Farben, aber in der psychologischen Schilderung feiner als der neue, 1957 in Cannes vorgeführte russische Film von der Partisanin, die einen weißrussischen Offizier, den sie als Gefangenen bewachen soll, zu lieben beginnt. Es gibt darin eine Szene, in der, während sich die Liebenden küssen, die Kamera zeigt, wie die Krabben, die sie gesammelt hatten, von den Wellen nach und nach wieder fortgespült werden. Die Sprache, ein bequemes, aber ungenaueres Ausdrucksmittel von Gefühlen, läßt solche Feinheiten im Tonfilm zu sehr zurücktreten.