Dd. Mainz

Während in allen Weinbaugebieten links und rechts des Rheins die Zugmaschinen und die Ochsengespanne auf den Abtransport der mit blauen und rotbraun-grünen Trauben gefüllten Bottiche warten, hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden nach dem Ergebnis zahlreicher Most-Stichproben errechnet, daß der 1958er fast ebenso reichlich aus den Keltern fließen wird wie der 1950er, der bisher ertragreichste Nachkriegsjahrgang. Während vor acht Jahren im Durchschnitt 66.4 Hektoliter Weinmost pro Hektar geerntet wurden, rechnet man in diesem Jahr mit etwa 64.5 Hektolitern.

Über die Qualität des 1958ers läßt sich noch! nichts Sicheres aussagen; jedenfalls wird er den 1953er, den besten Nachkriegswein, nicht erreichen. Wenn aber die letzten Oktobertage und die ersten Novemberwochen noch viel Sonne bringen sollten, könnten die spät gelesenen Trauben ausgezeichnet werden. Die Qualität der Trauben, die in diesen Tagen geerntet werden, ist jedenfalls so gut, daß die Versuchung, den jungen Wein "naß zu verbessern", was nach dem Weingesetz in gewissen Grenzen zulässig ist, nicht so groß sein dürfte wie in den vorangegangenen Jahren.

Mit anderen Worten: der 1958er wird quantitativ und qualitativ so ausfallen, daß er nicht unbedingt "gestreckt" zu werden braucht, weder mit importiertem ausländischem Traubensaft, was verboten ist, noch mit Zuckerwasser, was – leider – bis zu einem Verhältnis von einem Teil Zuckerwasser zu drei Teilen Most dann erlaubt ist, wenn es notwendig erscheint, "um einem natürlichen Mangel an Zucker oder Alkohol oder einem natürlichen Übermaß an Säure insoweit abzuhelfen, als es der Beschaffenheit des aus Trauben gleicher Art und Herkunft in guten Jahrgängen ohne Zusatz gewonnenen Erzeugnissen entspricht".

Es besteht also Hoffnung auf eine große Menge naturreinen 1958er. An der Mosel hat bereits die Vorlese überrascht: der Ertrag des Rieslings war so groß, daß viele Winzer nicht genug Fässer für den "Neuen" hatten. Mit der Hauptlese will man noch etwas warten. In der Pfalz ist sie schon in vollem Gange, auch bei den Silvanerreben Rheinhessens, in Baden-Württemberg und Franken. In den meisten Winzergemeinden des Rheingaues und des Mittelrheingebiets aber steht die Hauptlese noch bevor.