Wer hat geglaubt, daß es nach der Flut der KZ-Romane, guter und schlechter, einem Autor noch gelingen würde, Neues über dieses KZ-Thema zu sagen? Doch das glückt:

Nikolas Benckiser: "Tage wie Schwestern"; Verlag Josef Knecht – Carolusdruckerei, Frankfurt am Main; 288 S., 11,80 DM.

Das Buch verdient nicht, mit der üblichen Gefangenenliteratur in einem Atemzug genannt zu werden, weil hier ein Journalist über die notwendige Sensibilität verfügte, um ein hintergründiges Bild des Lebens hinter Stacheldraht und Gittern zu entwerfen.

Benckiser ist Budapester Korrespondent der "Frankfurter Zeitung", als er kurz vor Kriegsende mit seiner Frau von der Gestapo in Sippenhaft genommen wird. Nach einigen Wochen Gefängnis in Budapest werden sie und andere Häftlinge nach Wien "verfrachtet", wobei einige ausbrechen. Bis kurz vor dem Einmarsch der Russen wird Benckiser in Wien gefangengehalten. Acht Monate sind es insgesamt, die er – nur in illegaler Verbindung mit seiner Frau – hinter Kerkermauern verbringt: eine Zeitspanne, von der er selbst zugibt, daß sie für einen Gestapohäftling kurz und für ihn auch ohne direkte tödliche Bedrohung war.

Benckisers Bericht, den er selber eine "harmlose Geschichte" nennt, die er gleich nach der Entlassung niederschrieb, hat eine Bescheidenheit, die kein Stilmittel ist, sondern unmittelbarer Ausdruck eines geistig bewältigten Erlebnisses. Benckiser würde sich niemals als Dichter bezeichnen. Aber er besaß den hellsichtigen Blick des Poeten, als er seine Zellengenossen, unter denen sich so mancher zwielichtige Spießgeselle befand, in einer eindrucksvollen, "Gesichter der Intelligenzzelle" betitelten Porträtsammlung vereinigte.

Das Gefängnis ist ja wie kaum ein zweiter Ort geeignet, den menschlichen Charakter zu entblättern, bis nur noch bloßes Gestrüpp oder stark verwurzelte Individualität übrigbleibt. Es hätte sich nicht mit dem Wesen eines Berichts vertragen, wenn Benckiser hier nach ästhetischen Prinzipien komponiert hätte. Daß es ihm trotzdem gelingt, den Leser in eine heute kaum vorstellbare Schicksalssphäre hineinzuziehen, beweist sein Talent. Der Autor ist weit entfernt, ein Schüler Hemingways oder Camus’ zu sein. -ius.