Als Bundesernährungsminister Lübke am letzten Wochenende unter dem Funkturm die wortgewaltige "Neunte Deutsche Bundesfachschau für das Hotel- und Gaststättengewerbe – Konditorei- und Nahrungsmittelausstellung Berlin 1958" eröffnete, ermahnte er die deutschen Hoteliers und Gastwirte, den Gästen nicht nur perfektionierten Komfort, sondern auch die Möglichkeit zu bieten, sich "wie zu Hause" zu fühlen. In seinen politischen Bemerkungen beschränkte sich der Minister auf die herzliche Einladung an die mitteldeutschen Besucher, der sehenswerten Ausstellung ihre Aufmerksamkeit zu schenken und sich von der Fülle der Annehmlichkeiten zu überzeugen, die das Leben in Freiheit fern von jeder politisierenden Phraseologie zu bieten habe.

Der Obermeister der Berliner Gastwirte-Innung dagegen, der seiner Funktion nach die leibhaftige Lebensfreude hätte repräsentieren müssen, verwandelte seine Begrüßungsansprache in eine bitterböse Kanonade. Bei allem Verständnis für seinen Wunsch, kein Loblied auf die noch vielen Gemeindekassen willkommene Getränkesteuer zu singen, war schon ihre Apostrophierung als "rudimentäres Überbleibsel aus der schwärzesten Zeit deutscher Wirtschaftsgeschichte" vor den in- und ausländischen Ehrengästen kaum als rhetorisches Obermeisterstück zu werten. Als dann aber auch die "Eisernen Vorhänge" zu rasseln begannen, die beruflichen Hüter der Gastlichkeit als die "Vertreter abendländischer Kultur und christlicher Freiheit" und ihre menschenfreundliche Tätigkeit als "Beweis vaterländischen Pflichtbewußtseins" gepriesen wurden, fühlte sich der Zuhörer beinahe unter anderem Vorzeichen in das Reich jener Leute versetzt, die jenseits des Brandenburger Tores die Inbetriebnahme einer 1945 erloschenen Gaslaterne als "leuchtenden Marktstein des Wiederaufbauwillens der Nationalen Front" feiern.

Eingedenk der Lübkeschen Mahnung nahm sich der Chronist, als der "Kaiserwalzer" verklungen war, die "demokratische Freiheit" heraus, am nächstbesten Stand der Spirituosenindustrie über den "Untergang des Abendlandes" zu meditieren.

gns.