N-s, Hamburg

Tränen des Abschieds und der Rührung sind auf Bahnhöfen häufig. Tränengas ist gottlob seltener. Aber es geschah am Montagabend auf dem Hamburger Dammtor-Bahnhof, daß Reisende dort so mir nichts dir nichts in eine regelrechte Straßenschlacht gerieten. Vom Rock’n’Roll-Wahnsinn befallene Jugendliche hatten sich dort festgesetzt. Die Polizei kämpfte den Bahnhof mit Tränengas frei. Die Krawalle dauerten bis nach Mitternacht.

Diese Bahnhofs-Bataille war der letzte Akt eines Dramas, das vorher in der Hamburger Ernst-Merck-Halle bei einem „Konzert“ des Rock’n’Roll-Sängers Bill Haley begonnen hatte. Derartige „Konzerte“ sind neuerdings höchst gefahrvolle Veranstaltungen. In Berlin ging im Sportpalast ein Teil der Einrichtung in Trümmer. Schaden 50 000 Mark. Fünf Polizisten wurden so „bearbeitet“, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Sechs harmlose Konzertbesucher wurden ebenfalls schwer verletzt. Viele Leichtverletzte mußten verbunden werden.

Früher sollen bei Konzerten zuweilen Blumen auf die Bühne geworfen worden sein. Heute ist das anders. Heute kommen, wie es in der Ernst-Merck-Halle geschah, statt Blumen Verkehrsschilder durch das zersplitterte Fenster hereingeflogen. Überall barsten Fensterscheiben. Die Polizei hatte Großeinsatz. Man ging hundertschaftsweise gegen die Rock’n’Roll-Jünglinge vor. Gesamtschaden in Hamburg nach erster Schätzung: 20 000 Mark. Sieben Jugendliche wurden als Rädelsführer verhaftet.

Bill Haley, Heros des Rock’n’Roll, hat einmal gesagt: „Auch in meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht erwartet, daß meine Musik so populär werden würde.“ Aber auch in seinen Träumen wird er sich kaum ausgemalt haben, wie sehr er nun Gefangener dieser Musik ist, gehetzt von eine Meute, die unter den Zuckungen von Rock’n’Roll fest entschlossen ist, alles über den Leisten zu hauen.

Zunächst ging es in der Ernst-Merck-Halle noch konzertmäßig zu. Dann fingen einzelne Paare an, in den engen Gängen des Saales zu tanzen. Einige Ordner, die vom Hamburger Studentenwerk gestellt worden waren, versuchten, die Tanzenden wieder auf ihre Plätze zu drängen. Immer mehr aufgeregte Burschen drängten in die Gänge. Menschenströme flossen wie schreiende Lavaströme nach vorn. Im Handumdrehen waren Bill Haley und seine Musiker von einer Menschenmauer umzingelt, die sich immer enger schloß. Es war, als ob eine Meute von Raubtieren Ausschau hielt nach Opfern.

Eine Stimme im Lautsprecher ermahnte: „Bitte, steigen Sie runter von den Stühlen.“ Der Tumult wurde immer wilder. Bill Haley sollte 50 Minuten spielen, nach 35 Minuten aber flüchtete er mit seinen Mannen hinter die Bühne. Die Instrumente blieben zurück. Der Ruf „Schiebung“ gellte wie ein Aufschrei durch das Haus.