Polemische Gedanken beim Bleistiftspitzen

Von Ludwig Marcuse

In grauer Vorzeit schrieb ich eine Weile Theaterkritiken. Der Allgewaltige des Blattes liebte mich – und verfluchte mich wegen der vielen Scherereien, die meine dezidierten Urteile ihm machten.

Eines Tages bat er mich zu sich und hielt mir über das Thema Kritik folgende urgroßväterliche Rede: "Wir hatten einst in unserer Zeitung einen Mann, der vom Theater nicht die Bohne verstand. Er schrieb vom ersten Tage an gegen Ibsen. Drüben, bei der Konkurrenz, hatten sie den besten Theaterkritiker, den ich je gelesen habe. Er schrieb vom ersten Tage an für Ibsen. Und wer hat recht behalten? Unser Referent, der Ignorant! Ziehen Sie daraus eine Lehre. Schreiben Sie nie zu enthusiastisch und nie zu ablehnend. Sie können nicht wissen, wie man in fünfzig Jahren zu Ihren Urteilen stehen wird."

Mich interessierte nicht die Meinung des Generaldirektors über Ibsens Ruf in unserer Zeit. Um so mehr die verbreitete Idee, daß die Zeit mit der Zeit ein Urteil bestätigen oder verwerfen kann. Daß also der Kritiker, in angstvoller Ehrfurcht vor dieser großmächtigen Zeit (wenn sie zehnmal fünfzig ist, nennt man sie Ewigkeit) "Jein" sagen soll, sich so durch die Weltgeschichte durchmogelnd. Da ist manches zu überlegen.

Einmal: Ist es so schlimm, sich zu blamieren? Ich möchte allen ernsten Kritikern Mut dazu machen... und den feigen unter ihnen noch ins Ohr flüstern: wenn sich 2008 zeigen sollte, sie waren im Irrtum, so wird ihnen das nicht ihre Stellung kosten. Zweitens (und besonders): Weshalb ist eigentlich das Urteil fünfzig Jahre später (oder meinetwegen: fünfhundert) beweiskräftiger als das Urteil heute? Auch die Jahrhunderte sind nicht gescheiter als der Moment. Sie eliminieren – fragt sich nur: wie? Jedenfalls hat niemand das Recht, eine große Zahl von Jahrhunderten Ewigkeit zu nennen und sie außerdem noch mit der puren Wahrheit zu identifizieren.

Nehmen wir die Auswahl, welche unsere kleine Ewigkeit unter den Werken der Menschheit getroffen hat: die gefeiertsten Bücher, Bilder, Partituren ... Wer hat gewählt? Das Jahrtausend? Der absolute Wertmaßstab höchstpersönlich? Vielleicht war es der Zufall, der das uns Bekannte überleben und Besseres untergehen ließ. Und vielleicht die Gewohnheit. Wir erben Sterne, Bäume und Shakespeare als Selbstverständlichkeiten. Was wir als "Kulturerbe" aufgehalst bekommen, wird von uns Gezähmten brav weitergeschleppt – ohne Ansehen der Person: jeder Gebildete ist zunächst einmal ein Advokat und rechtfertigt alles alskennens- und schätzenswert, was er mit soviel Schweiß erworben hat. Und auch die größten Philosophen benehmen sich hier nicht anders als die kleinsten. Schulmeister. Sie nehmen die große Tradition als gegeben – wie die Eltern, den Namen und ihre zwei Beine.