Seit Polgar voreilig das aussprach, was wohl jeder Historiker immer schon wußte: daß man nämlich Geschichte nur subjektiv darstellen kann, sind die mehr oder weniger fundierten Versuche subjektiver historischer Darstellungen in Mode gekommen. Bis zur Neige hat diese persönliche Freiheit ausgekostet

Joachim Fernau: „Und sie schämten sich nicht“; Verlagsbuchhandlung F. A. Herbig, Berlin; 232 S., 9,80 DM,

der sein Büchlein im Klappentext „die zweitausendjährige Geschichte der Liebe in Deutschland sozusagen von Arminius bis Adenauer“ nennen läßt. Die erste Enttäuschung: von Adenauers Liebesleben ist nicht die Rede.

Die zweite Enttäuschung ist die Pauschal-Schnoddrigkeit, mit der der Verfasser auf gleichmacherische Weise durch die Jahrhunderte jagt, von einer offenbar mehr durch Zufälle als nach System aneinandergereihten Quelle zur nächsten.

Dabei genießt er selbstgefällig jeden Anlaß zu Pointen, den ihm die Epochen der Kulturgeschichte nur liefern. Das Ergebnis ist ein Band, mit dem Naive ihre Sexual-Bildungs-Vakumen mittels ein paar braven Anekdötchen über teutonische Open-air-Liebe und mittelalterliche Badesitten im angenehmen Glauben füllen können, daß sie zwei Jahrtausende germanischer Liebesprobleme begriffen hätten.

Der Verlag rechnet allerdings nicht damit, daß diese Leser etwas noch einmal nachlesen oder sich über dies und jenes gründlicher unterrichten wollen, denn er hilft ihnen weder durch ein – sicher aufschlußreiches – Literaturverzeichnis, noch durch ein Sach- oder Namensregister. sy