Die finnisch-sowjetischen Beziehungen haben einen Tiefstand erreicht. Das Verhältnis der "praktischen Koexistenz" zwischen den beiden. Ländern war noch nie so schlecht. Und das Merkwürdige daran ist, daß auch unbeteiligte Beobachter in Helsinki nicht klipp und klar zu sagen vermögen, wie es eigentlich dazu gekommen ist.

Die Finnen beteuern jedenfalls, es habe sich am außenpolitischen Kurs des Landes gegenüber dem großen östlichen Nachbarn nichts geändert. In der Tat hat Ministerpräsident Fagerholm sogar seinen Rücktritt angedroht, wenn der Versuch gemacht werden sollte, die "traditionelle Außenpolitik" – also die Freundschaft zur Sowjetunion – zu ändern. Auch innenpolitisch, so sagen die Finnen, habe sich nichts Ungewöhnliches ereignet, das den Argwohn Moskaus erregen müßte.

Gerade dies wird freilich von den sowjetischen Zeitungen energisch bestritten. Schon die Abberufung des Sowjetbotschafters Lebedew, der ohne die übliche Abschiedsvisite von Helsinki schied, ließ erkennen, welcher Wind jetzt aus dem Osten bläht.

Die wütende Kampagne der sowjetischen Presse hat es in den letzten Tagen vollends deutlich werden lassen: Es wurmt die Sowjets, daß die finnischen Kommunisten aus der Reichstagswahl als stärkste Partei hervorgingen und doch bei der Regierungsbildung übergangen wurden, statt dessen aber die "reaktionären" Konservativen ins Kabinett Fagerholm aufgenommen worden sind...

Daß die Politiker aller nichtkommunistischen Parteien über diese Entwicklung äußerst besorgt sind, ist nicht verwunderlich. In der sogenannten Paasikivi-Politik, die auf. dem gut nachbarschaftlichen Verhältnis zur Sowjetunion basiert, sind sie sich alle einig. Jetzt aber hat es den Anschein, als wolle der Kreml die gute Nachbarschaft kündigen – ja, als versuche er eine Umbildung des finnischen Kabinetts durchzupauken.

Um den Sowjets keine neuen Reibungsflächen zu bieten, haben die finnischen Behörden fürs erste einmal die Aufführung des deutschen Films "Arzt von Stalingrad" und die Veröffentlichung der Memoiren des früheren kommunistischen Innenministers Leino verboten. G. G.