"Für seine bedeutenden Leistungen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Lyrik und der großen epischen Tradition Rußlands" wurde dem Russen Boris Pasternak von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften der Nobelpreis des Jahres 1958 für Literatur verliehen. Der Roman "Doktor Schiwago" wurde bei der Verleihung nur nebenher genannt. Mit gutem Grund. Die Akademie bemühte sich damit – leider vergebens – ihrer Entscheidung den Charakter einer politischen Sensation zu nehmen, mit der niemandem gedient wäre: der Literatur nicht, dem Nobelpreis nicht und ganz bestimmt nicht dem Preisträger. Das Bemühen des Preisgerichtes erscheint dem Literaten richtig und trotz Fehlschlägen wert, weiterverfolgt zu werden. Der große Roman "Doktor Schiwago" wurde schon in Nr. 7 der ZEIT (vom 13. 2. 1958) von Werner Ross besprochen unter dem Titel "Mehr als ein Skandälchen". Wir legten damals unserer Besprechung die erste Fassung, in der der Roman gedruckt wurde, zugrunde: die italienische. Inzwischen ist er, wie in allen Weltsprachen, auch auf deutsch erschienen, und zwar im S.-Fischer-Verlag (648 S., 25,– DM), der gar nicht schnell genug drucken kann, um die riesige Nachfrage zu befriedigen. Zweimal stellten wir unseren Lesern Boris Pasternak vor, ehe ihm der Nobelpreis verliehen wurde: "Begegnungen mit dem anderen Rußland" schrieb Gerd Ruge in Nr. 3 (vom 16. 1. 1958); und der gleiche Autor verfaßte ein Porträt "Boris Pasternak – Rußlands großer Dichter" in Nr. 42 (vom 17. 10. 1958). Das Bild, das unsere Leser danach von Boris Pasternak haben, versuchen wir heute durch Beiträge von Thilo Koch, Martin Beheim-Schwarzbach und René Drommert, sowie durch Wiedergabe eines Gedichtes aus dem lyrischen Anhang zum "Doktor Schiwago" abzurunden. Die politischen Aspekte, die sich ergeben haben, waren dabei gewiß auch mit zu berücksichtigen; aber nicht sie allein dürfen das geistige Bild bestimmen.