Da hat also wieder einmal ein besonders Geltungsbedürftiger "im Namen von Millionen von westdeutschen Landsleuten" gesprochen. Aber dieser Satz ist genauso unwahr – man könnte zu deutsch auch sagen, gelogen – wie die Feststellung zu Beginn seiner Rede: "Ich bin CDU-Mitglied." Professor Hagemann, der solches sprach, ist weder CDU-Mitglied, denn seine Partei hat ihn vor sechs Monaten ausgeschlossen, noch kann er glaubhaft machen, daß er für Millionen seiner Landsleute spreche.

Hagemann hat seine Ausführungen in Anwesenheit des Generalsekretärs der SED, Walter Ulbricht, in Pankow gemacht, während zur gleichen Zeit der SED-Kulturkommissar Kurella in Sachsen die Beschränkungen im Interzonen-Reiseverkehr damit begründete, daß sich die Zone mit der Bundesrepublik im Kriegszustand befinde. Genausowenig wie es jemand während des Krieges eingefallen sei, nach England oder Frankreich reisen zu wollen, könnten die Zonenbürger heute erwarten, eine Reisegenehmigung für die Bundesrepublik zu bekommen.

Während also die SED den Kriegszustand proklamiert, reist Professor Hagemann von der Universität Münster (seine Kollegen aus der Zone können nicht reisen, wohin sie wollen) nach Pankow und umwirbt dort die Zwingherren der einst großen, freien Universitäten Mitteldeutschlands. Ob er – nach Münster zurückgekehrt – von seinen Studenten gefragt werden wird, wie es mit ihren Kommilitonen steht, die in Leipzig und Jena, in Dresden und Rostock verhaftet wurden? Dz