S. L., Berlin

Unter Punkt 4g) der Allgemeinen Zulassungsbestimmungen liest der Student, der sich an der Freien Universität Berlin immatrikulieren will, folgenden Satz:

"Mit der Zugehörigkeit zur Freien Universität ist es nicht vereinbar, einer Vereinigung anzugehören, die das Prinzip der Satisfaktion mit der Waffe vertritt oder Mensuren schlägt."

Vor fünf Jahren war Udo J. 22 Jahre alt und wollte in Berlin mit dem Studium der Physik beginnen. Er las den Passus, strich die Wörter "oder Mensuren schlägt" durch und unterschrieb sein Zulassungsformular, wobei er seiner Unterschrift die Bemerkung zufügte, daß er mit der Kenntnisnahme nicht die Rechtmäßigkeit dieses Reverses anerkannt habe.

Daraufhin wurde dem Abiturienten Udo die Zulassung an die Freie Universität verweigert. Er nahm sein Studium an einer Universität der Bundesrepublik auf (und hat es inzwischen dort beendet); gleichzeitig verklagte er jedoch die Freie Universität wegen Verletzung des im Grundgesetz garantierten Rechtes auf freie Wahl von Beruf und Ausbildungsstätte.

Der Prozeß zog sich über fünf Jahre hin und wurde jetzt von dem ehemaligen Berliner Studienbewerber in dritter und letzter Instanz gewonnen. Wie jedesmal zuvor, unterlag die Freie Universität nun auch vor dem Bundesverwaltungsgericht in Westberlin, das der Universität das Recht absprach, Mensurenschlagen zu verbieten. Dabei konnte sich das Gericht auf den vorangegangenen Entscheid des Bundesgerichtshofes berufen, nach dem das Schlagen von Mensuren keine strafbare Handlung ist und auch nicht gegen das Sittengesetz verstößt.

"Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen", heißt es im Artikel 12 des Grundgesetzes. Da indessen die Universitäten das Monopol für den akademischen Bildungsweg besitzen, dürfen sie, aigumentiert das Gericht, die Zulassung ihrer Studierenden nicht an Bedingungen knüpfen, die in die Persönlichkeitssphäre eingreifen. Die Freie Universität dagegen begründete ihr Mensurverbot, an dem im Laufe ihrer gerade zehnjährigen Geschichte alle ihre Rektoren, Senate und Studentenvertretungen einhellig festgehalten haben, mit ihrer "besonderen jungen Tradition" und Erziehungsaufgaben, die in der Konfrontierung mit dem Osten besondere Tönung erhalten.