Erfindungen zur falschen Zeit

Von Josef Müller-Marein

Eines Tages werden die Menschen aufwachen, sich die Augen reiben und erkennen, daß sie ihre großen Erfindungen in der falschen Reihenfolge gemacht haben. Seht die Autos in den Straßen! Wie sie sich drängen; wie sie verzweifelt nach einem Parkplatz "Schlange stehen"! Seht die Menschen am Steuer auf sogenannter freier Strecke – wie unfrei sie doch sind! Ihre Blicke sind auf die viel zu schmale Straße, auf überflüssige Verkehrsschilder, auf andere gefährliche und gefährdete Autos, ja sogar gelegentlich auf verwegene Fußgänger gerichtet. Ihre Hände halten unentwegt dasselbe Rad. Ihr Gasfuß bewegt sich bloß um Zentimeter auf und ab, und wenn er zum Bremsfuß wird, ist die Bewegungsfreiheit auch nicht größer. Der Kuppelfuß, meist unbeschäftigt, setzt sich einmal hierhin, einmal dorthin im beengten Raum. Und so vielleicht stundenlang. Muß da ein verständiger Mensch nicht fragen, woher dies Elend kommt? Ganz einfach: Weil die Menschen versäumt haben, zunächst das Auto und erst dann die – Eisenbahn zu erfinden.

Die Menschen lieben sehr das Neue, aber am meisten das Neueste. Und könnten sie in der Eisenbahn eine Errungenschaft sehen, die es verdient hätte, später als das Auto erfunden zu werden – ei, da wäre es noch nicht zu spät. Da würden sie wohl die Beine strecken, wie sie wollten. Sie würden hin und her gehen, den Korridor neben den Abteilen entlang, würden mit den Mädchen flirten, sie zum Speisewagen einladen und, stockte das Gespräch, gemächlich aus dem Fenster in die Landschaft gucken. Kein Rad mehr festhalten, kein Pedal mehr treten zu müssen und, anstatt bei Nachtfahrten hinter auf- und abblendenden Scheinwerfern sich die Augen zu verderben, sich schlafen legen zu können in weißer Wäsche und doch ans Ziel zu kommen – wäre das nicht Fortschritt? Und unsere Autos würden wir an Einwohner barbarischer Länder verscherbeln, die es nicht besser wissen, weil es dort noch keine Eisenbahn gibt.

Seht die Flugzeuge – gar von Düsen getrieben – in der Luft! Wir fliegen über den Wolken und sehen nichts als Grau, Grau, Grau. Und werden obendrein – "den Aschenbecher finden Sie in der Lehne Ihres Sitzes" – noch aufgefordert, to enjoy our flight und haben nicht viel Platz, uns zu bewegen, und sitzen angeschnallt, bis "die Motore zum vollständigen Stillstand gekommen sind".

Hätte da noch einmal einer die Gelegenheit – die leider verpaßte – aufzustehen und zu erklären: "Laßt uns Schiffe erfinden! Mit großen Salons und einem Schwimmbad und mit Tanzflächen und Jazzkapellen und Liegestühlen und weiten Decks, auf welche die Sonne herniederschaut, mit Sesseln, in denen keine Aschenbecher versteckt sind!" – wir würden erlöst aufatmen und auf menschenwürdige, ruhige Weise nach Amerika reisen oder sonstwohin. Und die Flugzeuge würden wir den Bewohnern der Wüsten und Tundren überlassen, die weder Schiffe noch Eisenbahnen kennen, weil sie kulturell noch unterentwickelt sind.

Seht das Fernsehen! Säßen wir schon seit Jahrhunderten im verdunkelten Raum, und plötzlich käme einer, vielleicht ein gewisser Professor Dr. Johannes Gutenberg, und spräche: "Hier meine neueste Erfindung: das Buch!" Na, würden wir nicht aufatmend das Licht anknipsen und das Lesen lernen?