Foster Dulles habe ganz recht, Westberlin und Quemoy, in Parallele zu setzen – erklärte am Montag: Walter Ulbricht. Beides seien Inseln, beides Provokationszentren, abgeschnitten von ihrem Mutterland. Wörtlich: "Ganz Berlin liegt auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik. Ganz Berlin gehört zum Hoheitsbereich der Deutschen Demokratischen Republik."

Ulbrichts Anspruch auf die ganze deutsche Hauptstadt, auf die 2,3 Millionen, die ihm – im Zentrum seiner Macht – entzogen sind, ist nichts Neues. Neu ist, daß er eine von Anfang an unzutreffende und politisch bedenkliche These des amerikanischen Außenministers zur Fundamentierung dieses Anspruchs heranzieht. Um Quemoy steht es recht verzweifelt; Ulbricht zieht gebieterisch die Parallele weiter: "Die Westmächte ... haben die Rechtsgrundlage ihres Aufenthalts in Berlin untergraben ... jede moralisch-politische Begründung auf eine Fortführung der Besatzung in Westberlin verwirkt" – weil sie einseitig das Potsdamer Abkommen gebrochen hätten.

Ulbricht sprach am Montagabend im Ostberliner Friedrichstadt-Palast zur Eröffnung des Wahlkampfes in Westberlin, wo am 7. Dezember unter Beteiligung der SED (die in Westberlin zugelassen ist) zum Abgeordnetenhaus gewählt wird. Adressiert war die Rede des Führers der deutschen Kommunisten aber mehr an die Wähler der Sowjetzone; dort finden Sonntag in 14 Tagen, am 16. November, die sogenannten "Volkswahlen" statt, aus denen die dritte "Volkskammer" hervorgehen wird.

Die Innen- und Außenpolitik der Ulbricht-Regierung ist zur Zeit unter dem Aspekt dieser Wahlen zu beurteilen. Obwohl wieder nur eine Akklamation mit 99prozentiger Sollerfüllung herauskommen wird, ist doch auch die SED an einer möglichst großen Zustimmung der Bevölkerung interessiert – schon um ihrer sowjetrussischen Auftraggeber willen. Deshalb verstärkt: Drohungen und Versprechungen, Thilo Koch.