Die Chinesen stellen die ideologische Vorherrschaft der Sowjets in Frage

Von Wolf gang Leonhard

Die jüngsten Ereignisse im Fernen Osten – der Quemoy-Konflikt wie die Kommunisierung in China – haben das Verhältnis zwischen der UdSSR und China ins internationale Blickfeld gerückt. Aber das sowjetisch-chinesische Verhältnis ist, nicht nur von aktuellem Interesse: Es wird auf lange Zeit für die weitere Entwicklung des kommunistischen Ostblocks von wirklich entscheidender Bedeutung sein.

Die Sowjetunion und China sind jene beiden kommunistischen Großmächte, die heute das Schicksal von sieben osteuropäischen kommunistischen Ländern (Polen, CSR, Sowjetzone Deutschlands, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien) bestimmen, und von drei asiatischen kommunistischen Staaten (Äußere Mongolei, Nordkorea und Nordvietnam). Darüber hinaus sind die Sowjetrussen und die Rotchinesen die führenden Kräfte in der kommunistischen Weltbewegung.

Unaufhörlich preisen Rundfunkstationen und Zeitungen aller Ostblockstaaten das brüderliche Bündnis, die unverbrüchliche Freundschaft zwischen der Sowjetunion und China. Aber es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, daß dieses Verhältnis durch immer größer werdende Unterschiede, ja, Widersprüche zwischen den beiden kommunistischen Großmächten getrübt wird.

Zweifellos bestehen auch heute noch große und wichtige Gemeinsamkeiten zwischen beiden kommunistischen Großmächten. Beide Systeme sind durch eine Revolution, durch einen bewaffneten Umsturz der alten gesellschaftlichen Verhältnisse entstanden. In beiden Staaten wurde zunächst der Großgrundbesitz abgeschafft, das Land wurde den Bauern übergeben, und nach einer relativ kurzen Frist (in der UdSSR nach zwölf, in China nach fünf Jahren) wurden die Bauern in Kollektivwirtschaften beziehungsweise Produktionsgenossenschaften zusammengefaßt. In beiden Staaten wurden die gesamten Produktionsmittel zunächst nationalisiert und die Volkswirtschaft von zentralen Planungsinstanzen geleitet.

In beiden Staaten gibt es nur eine politische Partei, mit fast gleichartiger Struktur, die alle Fragen in Politik, Wirtschaft und Kultur entscheidet. Die "führende Rolle der Partei" gehört hier wie dort zum untrennbaren Bestandteil der Ideologie. Die kommunistischen Parteien beider Länder bekennen sich offiziell zum Marxismus-Leninismus und stellen sich das Ziel, in ihren Ländern die kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten. In beiden Ländern wird die Politik von Parteifunktionären entschieden und in die Tat umgesetzt, die in Internatsparteischulen auf ähnliche Weise ausgebildet werden und ein ähnliches ideologisches Bekenntnis haben. Auch das äußere Bild des täglichen Lebens weist, große Ähnlichkeiten auf.