Am kommenden Dienstag wählen die Amerikaner ein neues Repräsentantenhaus, ein Drittel des Senats und zahllose lokale Beamte. Vom Wahlkampf in New York, wo sich zwei der reichsten Männer Amerikas um das Amt des Gouverneurs bewerben, berichtet in der folgenden Reportage Anthony Sampson. Artikel aus seiner Feder werden die Leser der ZEIT in den nächsten sechs Monaten häufig lesen: Sampson übernimmt an Stelle von Michael Davie, der für ein halbes Jahr nach Australien geht, die Berichterstattung aus London. Sampson kommt eben aus Amerika zurück.

New York‚ Ende Oktober

Es ist eine schmutzige Straße in Harlem. Vor der Bar stehen ein paar Neger mit flatternden Mänteln und offenem Hemdkragen. Da hält unversehens ein Cadillac neben ihnen am Bordstein, und aus dem Wagen springt mit behendem Satz ein gutaussehender, leicht gebeugter Mann mit angegrautem Haar und entschlossenem Kinn. Er stürzt sich auf das Knäuel der Neger, schüttelt die Hand eines jeden und eilt dann weiter, stürzt sich auf die Passanten. Auch sie bekommen einen Händedruck ab und vernehmen ein hurtiges "Freut mich, Sie kennenzulernen".

Der Mann, der so freigebig die Hände schüttelt, ist der 66jährige Averell Harriman, Gouverneur des amerikanischen Bundesstaates New York. Sein Amt steht am 4. November zur Wahl – am selben Tag, da auch das ganze Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats in Washington neu gewählt werden. Wird Harriman es wieder schaffen?

Zunächst mit Erstaunen, dann mit wachsendem Ergötzen haben die New Yorker den Wahlfeldzug Harrimans und seines Gegners verfolgt – das seltsame Schauspiel also zweier Millionäre, die einander mit grenzenloser Energie und nachdrücklich zur Schau getragener Volksverbundenheit den Rang streitig machen. Denn gegen den demokratischen Multimillionär Harriman haben die Republikaner einen Kandidaten von noch größerem, geradezu sagenhaftem Reichtum ins Feld geschickt: Nelson D. Rockefeller.

Wider Erwarten ist der Zweikampf der Millionäre kaum auf Ressentiments gestoßen. Im Gegenteil: der Anblick der beiden Krösusse, die in den Slums auf Stimmenfang ausgehen, amüsiert und fasziniert die Wähler. Harriman gegen Rockefeller, der immer ein bißchen weltentrückte Gouverneur gegen seinen jungenhaften Kontrahenten, den ersten Rockefeller, der sich auf dem politischen Parkett versucht – das ist für die New Yorker ein Leckerbissen.

Den Mangel an Amtserfahrung und politischer Familientradition hat Rockefeller mit dem zupackenden Charme seiner Wahlkampagne reichlich wettgemacht. New York ist noch immer geblendet von der unerschöpflichen taktischen Wendigkeit des jungen Millionärs. Er ist sechzehn Jahre jünger als Harriman (und wirkt noch viel jünger). Es macht ihm Spaß, in den unwahrscheinlichsten Ecken der Millionenstadt aufzutauchen und sich dort unter die Leute zu mischen – egal, was das für Leute sind. Mit ihnen läßt er sich begeistert auf nachbarschaftliche Gespräche ein, und mit Vergnügen probiert er die Spezialitäten der lokalen Speisekarten. Auf einer Tour, die inzwischen berühmt geworden ist, verzehrte er auf der Eastside Manhattans ein Corned-Beef-Sandwich, eine Pizza und einen Blintz.