Im Genfer Palast der Nationen wischen die Saaldiener wieder einmal den Staub von den Konferenztischen. Am Freitag werden dort, wenn nicht im letzten Augenblick noch Unerwartetes dazwischen kommt, die Diplomaten Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion Platz nehmen.

Ihr Gesprächsthema steht fest: Sie werden sich darüber unterhalten, wie man die Vorschläge der Atomexperten, die sich im Juli an Stelle über die technischen Möglichkeiten der Kontrolle einer Atomtest-Einstellung geeinigt haben, nun in die politische Praxis umsetzen kann. Und knappe vierzehn Tage später werden am gleichen Ort Vertreter der gleichen Nationen zusammentreffen, um zu beratschlagen, wie Überraschungsangriffe eines Blocks auf den anderen verhindert werden können.

Werden die Großmächte, Amerika und Rußland zumal, nach zwölf Jahren nutzloser, fruchtloser Abrüstungsgespräche im November 1958 endlich die Schwelle der Verständigung überschreiten? Das Vorgeplänkel, das der neuerlichen Begegnung vorausging, berechtigt nicht eben zu sehr hoffnungsvollen Prognosen. Bis zum letzten Augenblick erprobten die Amerikaner in der Wüste bei Las Vegas neue Atomwaffen, und seit Ende September schossen auch nördlich des Polarkreises wieder die Rauchpilze sowjetischer Atombombenexplosionen in den Himmel. Dieses Bild wird auch weiterhin zu sehen sein: Der Kreml hat es abgelehnt, die russischen Atomversuche nach dem 31. Oktober einzustellen. Damit aber ist von neuem auch fraglich geworden, daß die Westmächte ihre Tests von diesem Termin an aussetzen.

So werden die Delegierten der Mächte denn zusammentreten, während im Hintergrund weiter der Donner der Atomexplosionen grollt. Kann man unter diesen Umständen von den bevorstehenden Genfer Konferenzen viel erwarten?

Vielleicht sind die Explosionen auf beiden Seiten nur Prestige-Explosionen, vielleicht wird am Ende der Zwang, sich zusammenzuraufen, doch stärker sein als das Bedürfnis, am eigenen Standpunkt festzuhalten, koste es was es wolle. Doch darf man die Hürden auf dem Wege zur Einigung nicht unterschätzen. Ob nun die Außenminister gleich nach Genf fliegen, wie die Sowjets es wollen, oder erst später, wenn unterschriftsreife Abmachungen ausgearbeitet sind, wie es die Amerikaner und die Engländer wünschen – das sind Nebenfragen. Entscheidend ist, ob die Sowjets überhaupt eine Einigung wollen. Ganz bei den Sowjets liegt es auch, ob die Besprechungen über eine wirksame Sicherung gegen Überraschungsangriffe zum Erfolg führen.

Doch sollte niemand sich der Illusion hingeben, daß die Probleme dieser Welt gelöst seien, wenn die Westmächte und der Kreml tatsächlich in diesen beiden Fragen zu einem Übereinkommen gelangten. Denn mit dem kontrollierten Verzicht auf weitere Atomwaffenversuche allein ist es nicht getan. Das wäre nur der erste Schritt auf dem Wege zu einer beiderseitig annehmbaren Abrüstungsvereinbarung. Sollte man in Genf diesmal so weit kommen, so wäre das erstaunlich viel. Aber es wäre eben nur ein Anfang.

Beide Seiten besitzen ja heute schon genügend technisches Wissen, um auch ohne neue Tests ihr Waffenarsenal weiter zu vergrößern. Was wirklich nottut, sind der Produktionsstopp, ferner die Kontrolle der bestehenden nuklearen Waffenlager und des vorhandenen spaltbaren Materials. Und schließlich, wenn die verläßliche Kontrolle der Atom-Zeughäuser garantiert sein sollte, wird man auch nicht darum herumkommen, die kontrollierte Begrenzung der konventionellen militärischen Rüstung auf die Tagesordnung zu setzen.

Erst dann, wenn all diese Hürden genommen sind, wird der Frieden auf dieser Welt mehr sein können als ein bloßer Wunschtraum. Th. S.