Von Kurt Friedlaender

Gerade in diesen Tagen wiederum scheint Stockholm, aus der Ferne gesehen, lediglich die Stadt des Nobel-Preises zu sein. Aber während die literarische Welt erwartungsvoll auf Schweden sah, war in Stockholm wenig Aufregung zu spüren. Fast unbeachtet vom regen Treiben der schwedischen Hauptstadt, kamen im gustavianischen Börsenhaus, dicht beim Schloß, im Blauen Salon der Akademie "die Achtzehn" noch einmal zusammen, um endgültig zu bestimmen, wer dieses Jahr den Literatur-Nobelpreis erhalten soll. Die Wahl fiel also auf Boris Pasternak. Die "Unsterblichen Achtzehn" – wie die Schweden leicht respektlos das reichlich überalterte Gremium würdiger Herren aus der Schwedischen Akademie nennen, die bei ihrer Entscheidung von einen Nobel-Institut unterstützt werden – haben damit zum ersten Male einen Sowjetrussen mit dem Literaturpreis ausgezeichnet.

Nicht nur Stockholm ist nun um einen Gesprächsstoff reicher – und eine Reihe gestrenger Kritiker um ihren alten, bösen Verdacht ärmer, die Preisverteiler seien "antiamerikanisch in der Literatur, deutschfreundlich in den Naturwissenschaften, antirussisch auf jeden Fall und proskandinavisch in jeder Hinsicht".

Bei der Abstimmung unter der Büste Gustavs III. – der die Akademie gründete und ihr den Wahlspruch gab: "Snille och Smak", Geni? und Geschmack – sind alle anderen aussichtsreichen Kandidaten auf der Strecke geblieben: Graham Greene, Thornton Wilder, Alberto Moravia, Johan Falkberget und Karen Blixen. Ist es Zufall oder spekulative Voraussicht des Verlegers, daß genau am Tage der Entscheidung auch die schwedische Übersetzung von Pasternaks großem Roman "Doktor Schiwago" in den Stockholmer Buchläden erschien?

Das kulturelle Leben Stockholms bietet aber auch eigentlich Beachtenswerteres als die schließlich schon seit längerem sich abzeichnende Nobelpreis-Sensation. Da ist zunächst eine Welturaufführung auf der kleinen Bühne des Dramatischen Theaters. Man spielt "Hughie", einen Einakter aus dem Nachlaß Eugene O’Neills. Nachdem man im ersten Teil des Abends O’Neills "Kaiser Jones", den von Schreckvisionen geplagten Negerkaiser der zwanziger Jahre, über sich hat ergehen lassen, wird das Publikum von "Hughie" in ein schmutziges Broadwayhotel vor die Loge eines Nachtportiers geführt und ist Zeuge eines Gesprächs mit einem zurückkommenden Gast. "Gespräch" ist eigentlich zuviel gesagt, denn der Portier spricht kaum ein Wort, gähnt nur, spitzt seinen Bleistift an, kratzt sich den Kopf und zeigt mit szenischer Eindringlichkeit, daß jemand mit jemanden sprechen und doch allein sein kann. So ist die Rede des Gastes in Wirklichkeit ein Monolog, ein Bühnenmonolog, wie ihn nur ein Meister schreiben kann.

Einen Genuß ganz anderer Art bietet das Opernhaus. Dort wird Verdis "Ein Maskenball" in seiner schwedischen Urversion gegeben. Anlaß dieser Oper war ja die Ermordung Gustavs III. von Schweden 1792 im Stockholmer Opernhaus. Eine unverschlüsselte Darstellung schien jedoch bei der Uraufführung 1859 der italienischen Zensur zu gefährlich; deshalb wurde die Handlung nach dem weit entfernten Boston verlegt, der schwedische König durch einen harmlosen Gouverneur ersetzt und die Königsmörder durch zwei farblose Operngestalten.

In dieser "Boston-Version" wurde der Maskenball bisher meistens gespielt. Jetzt hat man ihn mit Hilfe des alten, von dem Lyriker Erik Lindegren in dichterischer Freiheit neugestalteten Librettos in sein schwedisches Milieu zurückversetzt. Auf der Bühne entrollt sich also ein Bild vom Stockholm Gustavs III. und die Darstellung, wie der tjusarkonung, der "Bezauberer", wie er noch heute im Volksmund heißt, an seinem glänzenden Hof lebte, liebte und schließlich auf dem Maskenball im Opernhaus, an eben jener Stelle, wo das heutige steht, als Opfer der Verschwörer fiel. Hier ist es gelungen, Verdis Meisterwerk ein prächtig passendes historisches Kolorit zu geben. So verläßt man die Oper in dem Gefühl, über den musikalischen Genuß hinaus einen Blick in jene gustavianische Zeit getan zu haben, die durch ihren vornehmen, französisch-klassischen Stil so viel für die schwedische Kultur bedeutet.