Es ist an der Zeit, mit einer seit Jahrzehnten zäh im Bewußtsein der meisten Menschen verwurzelten Vorstellung aufzuräumen: mit dem Klischee, die Sowjetunion sei ein Land, von dem niemand etwas wisse und über das obendrein auch niemand etwas Genaues erfahren könne.

"Die eine Hälfte der Welt weiß nicht, wie die andere Hälfte lebt" – dieses Wort des Franzosen Rabelais ist öfters bemüht worden, um die Situation des Westens im Angesicht des Phänomens Sowjetrußland zu kennzeichnen. Und Churchills vielzitierter Ausspruch, Rußland sei wie "ein Rätsel innerhalb eines Enigmas, alles eingehüllt von einem Mysterium", war typisch für die weitverbreitete Ansicht, es gebe im Grunde eben keine Sowjetkenntnis, sondern nur unterschiedliche Grade der Ignoranz über das Riesenreich zwischen Kischinew und Kamtschatka.

Heute läßt sich diese Ansicht nicht länger aufrechterhalten. Seit Stalins Tod ist die Sowjetunion mehr und mehr aus ihrer früheren Selbstisolierung herausgetreten. Viele Bereiche des sowjetischen Lebens, die bis dahin hinter einem dichten Schleier des Geheimnisses verborgen lagen, sind mittlerweile sichtbar geworden. Mag auch, was andere Bereiche angeht, noch immer kleinliche Geheimniskrämerei walten, so ist der Schleier doch überall transparenter. Die Zunft der Sowjetologen ist nicht mehr auf jene kremlastrologischen Exerzitien angewiesen, bei denen mitunter der Hang zur Spekulation stärker war als der Drang zu den Tatsachen.

In Deutschland schickt sich die Sowjetforschung (deren Zentren heute unbestritten in den angelsächsischen Ländern beheimatet sind) an, wieder Anschluß an ihre große Tradition der zwanziger Jahre zu gewinnen. Zwei dickleibige Handbücher sind in diesem Jahr erschienen, eines unter den Auspizien Professors Hans Koch vom Münchener Osteuropa-Institut (1), das andere unter denen Professor Karl Krügers von der Technischen Universität Berlin (2). Beides sind nützliche Nachschlagewerke, die in jede Handbücherei gehören. Auf Englisch hat ferner das Münchener Institut zur Erforschung der UdSSR einen umfassenden Who is Who? für die Sowjetunion vorgelegt (3), und im Tübinger Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde bereitet Professor Werner Markert ein weiteres Sowjethandbuch vor. Die deutsche Ostforschung spricht also wieder mit in der Sowjetologie.

Ebenso erfreulich ist indessen, daß von den beiden wichtigsten Rußlandbüchern dieses Jahres, die für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt sind, eines gleichfalls einen Deutschen zum Verfasser hat; Klaus Mehnert, einen der wenigen vorzüglichen Sowjetkenner, die es heute in der Bundesrepublik gibt. Die Bilanz, die er nach zwölf Rußlandreisen in seinem Buch Der Sowjetmensch zieht, ist ein erregender Bericht über den heutigen Standort und die mögliche Zukunft des Sowjetvolkes geworden (4). In den meisten Punkten geht Mehnert konform mit John Gunther, dem klugen amerikanischen Publizisten, dessen Buch Inside Russia Today vor kurzem in den Vereinigten Staaten und England erschienen ist und das im Frühjahr 1959 auch auf Deutsch erscheinen wird (5). In vielem aber greift der Deutsche mit seinen Schlußfolgerungen weit hinaus über die des Amerikaners.

John Gunther, der mit dem leicht lesbaren Rußland-Buch das sechste Werk seiner berühmten Inside-Serie vorlegt, bezeichnet es selbst bescheiden als "a reporter’s job" – Arbeit eines simplen Berichterstatters. Das ist sie auch, aber was für ein Report ist das! Bädeker und Wer ist’s, geographische Schilderung und statistisches Handbuch, Gegenwartskunde und Geschichtsbetrachtung alles in einem. Kurzum: ein farbiges enzyklopädisches Panorama, das in der Rußland-Literatur nicht seinesgleichen hat.

Bringt Gunther Neues? Edward Crankshaw, einer der bestinformierten britischen Sowjetkenner, verneint es. "Ich bezweifle", schreibt er, "daß in diesem Buch ein Dutzend Fakten oder Vermutungen angeführt, sind, die nicht schon anderswo veröffentlicht wurden oder die jenen, die es von Berufs wegen wissen müssen, unbekannt wären. Aber ich muß sagen, es gibt kein einziges anderes Buch, das auch nur ein Viertel der hier aufgezeichneten Informationen enthält."