M-M, Bonn

Ach, es war wieder einmal alles ganz anders. Minister Strauß ist kein Berserker, der Polizist Hahlbohm kein Held. Bloß an des Ministers braven Fahrer bleibt etwas hängen: er heißt Kaiser und ist, mit seinem Minister an Bord, falsch eingebogen an der Bonner Kreuzung, wo Hahlbohm steht.

Dafür hat ihm das Bonner Gericht die Strafe von hundert Mark aufgebrummt mit der Begründung, ein "einschlägig Vorbestrafter" könne nicht billiger davonkommen, und mit der Erklärung, das, was Kaiser getan hat, käme jeden Tag in Bonn ein paar Mal vor. So, daß alles Mitgefühl der Bonner Autofahrer jetzt nicht dem Polizisten Hahlbohm, sondern dem viermal vorbestraften Ministerfahrer Kaiser gilt.

Welcher Autofahrer ist heute nicht "einschlägig" vorbestraft, obwohl er, wie Kaiser, niemals Schaden angerichtet hat? Die Schadenfreude, soweit sie noch Franz Josef Strauß gilt, betrifft nicht mehr den Minister, sondern den Bundestagsabgeordneten. Er wird wohl – so sagen seine Bonner Mitbürger – auch die Hand jedesmal erhoben haben, wenn es bei Abstimmungen galt, die Strafen für Verstöße im Verkehr noch ein bißchen, immer noch ein bißchen zu erhöhen...

Was Eingeweihte – nicht des Verkehrs, sondern der deutschen Innenpolitik – von Anfang an vermutet hatten, hat sich im Gerichtssaal deutlich bestätigt: Der Polizist, Mitglied der Polizeigewerkschaft, sah einen Ministerwagen das machen, was verboten ist, und da griff er zu: Der Wagen fuhr zum Eingangstörlein zum Amtssitz des Bundeskanzlers hinein, wo doch da ein Schild stand: nur er selbst, der Kanzler, könne auf diese Weise zu sich selbst kommen.

A propos – und dies ist wirklich ein wundervolles A propos –: Die an gleicher Ecke stationierten Taxifahrer benutzen diesen Weg nicht selten dann, wenn ihre Fahrgäste es eilig haben; sie fahren am parkumhüllten Eingang des Palais Schaumburg vorbei und grüßen einfach, wenn Adenauer zufällig vor der Tür steht, und der grüßt wieder (wie ein Taxifahrer sagte), und gewinnen durch ein anderes Tor den Zugang zur Koblenzer Straße. Summa summarum: Der Kanzler ist großzügiger als der Polizist Hahlbohm. Anders wäre ja vielleicht auch Hahlbohm, nicht Adenauer der Kanzler, na, wie dem auch sei...

Was Adenauer partout nicht ausstehen kann, ist Unpünktlichkeit seiner Minister – da ist er nicht Rheinländer, sondern Preuße. Dies aber ist der Grund, weshalb der Fahrer des Ministers Strauß hundert Mark zahlen muß – hoffentlich aus des Ministers, des Privatmannes Tasche.