Von Rudolf Hermann

Eine merkwürdige Verkettung von Umständen hat einen mehr als dreißig Jahre alten: Zukunftsroman aktuell gemacht, eine trübselige Duplizität der Ereignisse macht ihn eben jetzt auch noch zur kleinen Sensation:

Jewgenij Samjatin: „Wir“; aus dem Russischen übertragen von Gisela Drohla; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 253 S., 12,80 DM.

Der Mathematiker und Schiffbauingenieur Samjatin kam 1884 in einer russischen Kleinstadt zur Welt. Er wurde Wegbereiter jener Kräfte, die das Zarenreich hinwegfegten – und starb, verbannt und verfemt im eigenen Lande, knapp vor, dem zweiten Weltkrieg in Paris. Sein klarer Blick, sein waches Gewissen und menschliches Herz machten ihn zum Propheten – für solche Menschen gewährt selten ein Vaterland Arbeitsbewilligung oder Einreisegenehmigung.

Samjatins Fabel vom „Einzigen Staat“ mit seinen numerierten Menschen, die von „Beschützern“ überwacht werden und denen die Phantasie auf dem Operationstisch weggeschnitten wird – all dies kommt den Lesern Aldous Huxleys und George Orwells unheimlich vertraut vor. Noch gespenstischer wirkt es, wenn wir erfahren, daß dieser Zukunftsroman, der unsere Gegenwart so unbarmherzig vorwegnimmt, 1920 geschrieben wurde – also zumindest zeitlich ein Vorläufer von „Schöne neue Welt“ (Huxley) und „1984“ (Orwell) ist.

Samjatin hat H. G. Wells gut gekannt, und ohne die Palette Dostojewskijs und Gorkijs hätten seine realistischen Farben nicht solche Leuchtkraft. Aber von ihnen allen trennt Samjatin das entscheidende Erlebnis: Er sah verwirklicht, wofür er gekämpft hatte, und er sah mit Enttäuschung und Abscheu, was daraus geworden war. In diesem Sinn ist Samjatins Zukunftsstaat jetzt und hier. Sein sehnsüchtiger Blick über die „grüne Mauer“ ins Land der freien Menschen ist heute der brechende Blick von Millionen.

Die Fortsetzung der Tagebuchaufzeichnungen eines Weltraumschiffbauers steht auf einem anderen Blatt. Vom sowjetischen Schriftstellerverband als Renegat und Lästerer der sozialistischen Zukunft ausgestoßen, rettete Samjatin dank der Fürsorge seines Freundes Maxim Gorkij das nackte Leben. Er flüchtete ins Ausland. Sein Buch ist übersetzt in anderen Ländern erschienen, auf russisch 1924 in Prag – in der Sowjetunion nie.