(1) Was ist gutes Deutsch? – Schwankende Beurteilung Franz Kafkas – Fremdwörter Und Abstraktionen

Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer Gelegenheit hatte, die zahlreichen Briefe zu lesen, die anläßlich einer in den Leserbrief-Spalten dieser Zeitung begonnenen Kontroverse um die deutsche Germanistik geschrieben wurden, der konnte neben vielem, was darin verblüffend war, eines besonders verblüffend finden: Wie oft eine Erwiderung, die sachlich bald viel, bald weniger für sich hatte, begleitet war von der Bemerkung: und übrigens sei das, was der andere geschrieben habe, "schlechtes Deutsch".

Schlechtes Deutsch ist offenbar zuerst einmal alles, was uns empört, was wir falsch finden, was uns gegen den Strich geht. Damit haben wir einen kecken Finger sogleich auf einen sehr wunden Punkt der deutschen Germanistik gelegt. (Zweierlei sei schnell, und ehe das schlechte Deutsch dieses Satzes angekreidet werden kann, ergänzend bemerkt: Unter "Germanistik" wird hier zunächst ganz allgemein die aufnehmende, denkende, ordnende, wertende Beschäftigung mit deutscher Sprache und deutscher Literatur verstanden, die den Autor, den Forscher, den Lehrer und den Kritiker verbindet. Und: diese Schwierigkeit der Germanistik in Deutschland ist auch der Romanistik in Frankreich oder der Anglistik in England nicht fremd.)

Damit sind wir inzwischen schon mitten in dem Labyrinth, das sich hinter der scheinbar so einfachen und naiven Frage "Was ist gutes Deutsch?" auftut.

Hier gilt es zu entscheiden, ob der literarische oder künstlerische Wert einer Aussage durch den Inhalt bestimmt wird, und wieviel die sprachliche Form vermag. Seit Oskar Walzel zieht man es vor, nicht mehr von "Inhalt" und "Form", sondern von "Gehalt und Gestalt" zu sprechen. Die Frage selber bleibt freilich so ungeklärt und umstritten wie am ersten Tag. Die Erkenntnis, daß es eine schlechterdings gültige Antwort darauf nicht gibt, hat es schwer, sich gegen die große Nachfrage nach autoritativen Normen einerseits und gegen pseudo-wissenschaftliche Ansprüche andererseits durchzusetzen.

Das Urteil darüber, wie schwer die literarische "Mitteilung" (gegenüber der Form) wiegt, schwankt von Fall zu Fall und ist der Zeitmode unterworfen. Schiller und Shakespeare bleiben große Dichter, obwohl sich gegen den Inhalt ihrer Dramen manche historischen Einwände geltend machen ließen. Grimmelshausen und Scott werden im kleinen Kreise als große Schriftsteller gefeiert, weil sie reich kolorierte Zeit- und Sittengemälde in einer uns fremden und daher interessant erscheinenden Sprache gegeben haben.