Im Lande Titos ist das Leben leichter geworden – aber der Geist stumpfer

Von Fritz René Allemann

Das Hochhaus am Nordostende der Terazije – jener platzartig verbreiterten Prunkstraße, die das eigentliche Zentrum der Stadt Belgrad bildet – ist das Wahrzeichen der jugoslawischen Metropole. Es ist aber auch noch etwas anderes: eine Art von politischem Barometer.

Vor Titos Bruch mit Stalin – und noch einige Zeit darüber hinaus – war das Hochhaus über und über mit Spruchbändern behangen. Als ich 1951 nach Belgrad kam, war von den Transparenten nichts mehr zu sehen. Aber noch immer schmückte ein gewaltiges Tito-Porträt die Stirnwand des Gebäudes, und von dem Dach strahlte nachts in intensivem Rot der fünfzackige Sowjetstern, der nach wie vor als Sinnbild der kommunistischen Revolution die jugoslawische Trikolore schmückt. 1953, bei meinem nächsten Besuch, war auch das Bild des Marschall-Präsidenten verschwunden und nur noch der Stern übriggeblieben. Vor ein paar Wochen jedoch, bei meinem ersten Jugoslawienbesuch seit fünf Jahren, schaute ich mich umsonst nach ihm um: auch der Stern ist in der Zwischenzeit ohne viel Aufhebens abmontiert worden.

Eine Kleinigkeit? Vielleicht – aber auf jeden Fall eine typische. Schritt für Schritt ist das Regime in den zehn Jahren seiner dramatischen Unabhängigkeitserklärung von Moskau diskreter geworden. Es legt keinen Wert mehr darauf, seine Präsenz aufdringlich zu demonstrieren. Es regiert weiter, aber es läßt, alles in allem, seine Bürger in Ruhe, solange sie ihm nicht politisch gefährlich werden. Die herrschende Partei gibt sich damit zufrieden, die Kommandohöhen des Staates besetzt zu halten, und sie verzichtet im großen und ganzen darauf, die Massen nach „volksdemokratisch“-totalitärem Muster zu „mobilisieren“.

Das ist einer der Gründe dafür, warum heute mindestens die jugoslawischen Städte einen ungleich „westlicheren“ Eindruck hinterlassen als vor fünf Jahren. Aber es ist nicht der einzige und nicht einmal der entscheidende Grund. Viel mehr noch fallen die Anzeichen wachsenden Wohlstandes ins Auge: Die Menschen in den Straßen sind wesentlich besser gekleidet als 1953, die Schaufenster (und auch die Läden dahinter) unvergleichlich reicher bestückt, der Verkehr merklich dichter: Fahrräder, Mopeds, Motorroller und selbst private Kleinautos – früher begegnete man nur wenigen und nur zwei Sorten Autos, entweder vorsintflutlichen Klappergestellen oder strengen schwarzlackierten, schnittigen „Bonzenwagen“ amerikanischer Herkunft.

Diese ersten Impressionen schon deuten auf eine Entwicklung hin, die man vielleicht – nicht ohne Zögern freilich – das jugoslawische Wirtschaftswunder nennen könnte. Nicht ohne Zögern: Denn das Land ist nach wie vor arm, von ausländischer Hilfe abhängig, mit einem zwar ständig wachsenden, aber ebenso ständig defizitären Außenhandel belastet, und ein Vergleich mit dem benachbarten Österreich oder Italien verbietet sich immer noch.