Kein Oberbürgermeister, kein Oberstadtdirektor oder Ministerpräsident darf in die sachliche Amtsführung eines Intendanten hineinreden. Wäre das nicht so, dann könnte der Intendant ebensowenig die künstlerische Verantwortung tragen wie der Chefarzt eines städtischen Krankenhauses die medizinische.

Welcher Chefarzt aber ließe sich auf einen so kurzbefristeten Vertrag ein, wie er den Intendanten meistens angeboten wird? Drei Jahre – und wenn dann sein Vertrag nicht verlängert wird, ist der Intendant wieder „Arbeitnehmer“ und daher Mitglied der gleichen „Bühnengenossenschaft“, gegen deren Forderungen er während seiner Intendantenzeit das „Arbeitgeber“-Interesse vertreten muß.

Nach einer Reihe von erfolgreichen, auch von der öffentlichen Kritik bestätigten Gastinszenierungen wollte der Berner Stadttheaterdirektor (auf deutsch: Intendant) Stephan Beinl den 36jährigen Regisseur Klaus Wagner aus Deutschland als Oberspielleiter für das Berner Schauspiel fest verpflichten. Der Berner Theaterausschuß bestand jedoch darauf, daß der Posten des Oberspielleiters gegen den erklärten Willen des Intendanten öffentlich ausgeschrieben werde. Stephan Beinl trat zurück, weil er „diese Einengung seiner künstlerischen Kompetenzen als nicht mehr tragbar empfand“. „Es gibt im Theater keine ersprießliche Arbeit ohne Autorität, keine Zusammenarbeit ohne Vertrauen.“

In Heidelberg verfuhr man geschickter. Der kaum dreißigjährige Intendant Paul Hager, gegen dessen Künstlerschaft sich sicherlich noch mancher Einwand erheben ließe, trat von seiner ersten dreijährigen Intendanz zurück, weil – wie es in einer gemeinsamen Erklärung heißt – grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen der Stadtverwaltung und ihrem Intendanten über die zum Theaterbetrieb erforderlichen finanziellen Zuschüsse und über die amerikanische Gastiertätigkeit Paul Hagers bestünden.

Im Hintergrund geschah jedoch in Heidelberg ähnliches wie in Bern: Der „Rechtsträger“, die Stadt, setzte sich beim Abschluß eines Vertrages mit dem städtischen Musikdirektor Karl Rucht über einen Einspruch des Intendanten hinweg.

Der Vertrag des Intendanten Dr. Christian Mettin in Lübeck läuft mit Ende dieser Spielzeit, nach achtjähriger Tätigkeit, ab. Alle Beteiligten waren darauf gefaßt. Jedoch nahm die lübische Kultussenatorin neue Verhandlungen mit Mettin auf, stellte ihm einen neuen dreijährigen Vertrag in Aussicht und unterbrach damit die Bemühungen des Intendanten in anderer Richtung. Der Kulturausschuß und der Personalausschuß – also zwei Fachausschüsse des Stadtparlaments – bekräftigten diese Absicht mit einstimmigen (!) Empfehlungen für Mettin an den Senat. Man ließ den Intendanten sogar auf eine Dienstreise gehen, damit er neue Kräfte für die nächste Spielzeit nach Lübeck engagiere.

Während Mettin in der Schweiz weilte, erfuhr er inoffiziell, daß der Senat zu Hause die Verlängerung seines Intendantenvertrags ohne Angabe von Gründen abgelehnt habe. In einer zweiten Sitzung blieb es bei diesem Beschluß. Lediglich die fehlende Begründung wurde nachgetragen: „grundsätzliche Erwägungen“. Es müßten aber wohl triftigere Gründe vorgebracht werden, wenn ein ausführendes Organ, der Senat, sich über einstimmige Beschlüsse zweier Parlamentsausschüsse hinwegsetzen will.