Die sowjetische Methode, aufsehenerregende Veränderungen oder Erklärungen an unscheinbarer Stelle zu veröffentlichen, ist nicht neu. Dieser Methode bedienten sich die Sowjets auch in der letzten Nummer der Zeitschrift Fragen der Philosophie. In einem längeren Artikel des Ideologen Stepanjan finden sich darin Bemerkungen, die nur wenig mit Philosophie zu tun haben, dafür aber auf die gegenwärtigen Machtverhältnisse im Ostblock ein interessantes Licht werfen.

Bis vor kurzem war die Einheitlichkeit des Ostblocks – offiziell als „Lager des Sozialismus“ bezeichnet – eine Grundmaxime der Politik und Ideologie. Um so erstaunlicher ist es, daß Stepanjan nun in Voprossy Filosofii offen erklärte, daß es innerhalb des Ostblocks zwei verschiedene Wirtschaftszonen gäbe. Die eine umfasse die europäischen Ostblockstaaten, also die Sowjetunion, Polen, die Sowjetzone, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien; die zweite bestehe aus den asiatischen Ländern China, Mongolei, Nordkorea und Nordvietnam.

Obwohl Stepanjan in dem Artikel die Einheit des Ostblocks und die Gleichberechtigung ihrer Mitgliedstaaten betont, gibt er offensichtlich den europäischen Ostblockstaaten den Vorrang: Man muß feststellen. daß die europäischen sozialistischen Länder, die im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) vereinigt sind, eine besondere Wirtschaftszone bilden, die ersten sein werden, die in die Phase des Kommunismus eintreten. Die asiatischen sozialistischen Länder, die vieles in ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung gemeinsam haben, stellen eine andere regionale Zone dar und werden ebenfalls gemeinsam in die Phase des Kommunismus eintreten.“

Damit hat Moskau erstmalig unverblümt erklärt, daß die europäischen, Staaten des Ostblocks in ihrer Entwicklung über den asiatischen stehen und als erste die Phase des Kommunismus erreichen. Diese Feststellung ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie in direktem Widerspruch zu den jüngsten chinesischen Erklärungen steht, wonach China sich ebenso wie die Sowjetunion bereits in der Periode des Übergangs zum Kommunismus befindet.

Aber die Bedeutung des Stepanjan-Aufsatzes geht weit über diese aktuellen politischen Vorgänge hinaus. Wichtiger noch ist, daß damit zum erstenmal in einer kommunistischen Zeitschrift ein Unterschied zwischen den kommunistischen Staaten Europas und Asiens formuliert worden ist.

Wolf gang Leonhard,