Drei Nächte hat der Doktor und Studienrat damit verbracht, die Aufsätze seiner Oberprima zu korrigieren – er weiß, was einer seiner Kollegen meinte, als er gestand, die Hölle stelle er sich als einen überheizten Raum vor, in dem überarbeitete Leute Aufsätze über die Jungfrau von Orleans korrigieren. Das Thema des Aufsatzes in der Oberprima des Dr. Foß hieß: "Stil ist mehr als Mode."

Da schreibt einer brav und ohne Fehler, wie die Mode so vergänglich und der Stil so ewig sei. Er hatte sich auch, ehe er zu schreiben anfing, fein erkundigt: "Wie wollen Sie das Thema aufgefaßt wissen, Herr Doktor?" Das Übliche hat er dann mit den üblichen Worten "gestaltet", die, wie ebenfalls üblich, im Ausdruck manchmal ein bißchen zu hoch, manchmal ein bißchen daneben gegriffen sind. Eigene Gedanken sind nicht vorhanden oder weise unterdrückt. Ein Aufsatz, gegen den sich nicht sehr viel sagen läßt.

Und da ein anderer, den reitet der Teufel. "Stil", schreibt er, "ist die Mode von gestern. Und wer heute lebt, lebe mit der Mode." Er schreibt viele merkwürdige Sachen, die dem Studienrat ziemlich fremd sind. Aber er schreibt sie elegant, flüssig, sauber gegliedert.

Wie soll der Deutschlehrer den "Musterschüler" beurteilen und wie dieses enfant terrible? Wie soll er nicht nur entscheiden, was "gutes Deutsch", sondern – ganz präzise – was "sehr gut" ist, was "gut", "befriedigend", "ausreichend", "mangelhaft" und was "ungenügend"? Wie soll er sich frei machen von der sich allenthalben allzu verbreiteten Neigung, das, was nicht seinen eigenen Ansichten, entspricht, geringer zu schätzen – oder aber, um gerechten Ausgleich bemüht, zu überschätzen?

Doch nicht nur das wird von ihm erwartet. Er soll auch "Wertgefühl", "Urteilsvermögen" und "sittliche Reife" zunächst vermitteln, dann prüfen. Was in der sogenannten Reifeprüfung über die (an Leistungen meßbare) Universitätsreife hinaus gemeint ist, das wird in den Deutschunterricht und die Deutschzensur hineingepackt – was denn auch einer der Gründe dafür ist, daß in den meisten Bundesländern ein "Mangelhaft" im Deutschen nicht (wie ein "Mangelhaft" in allen übrigen Fächern) durch sehr gute Leistungen in einem anderen Hauptfach wettgemacht werden kann.

Das alles läßt sich in direkter Linie zurückverfolgen ins Kaiserreich des Jahres 1890. Die Republik von Weimar, das Dritte Reich, die neue Staatsordnung – sie haben bemerkenswert wenig geändert an jenen Richtlinien, die damals kein anderer als der Kaiser persönlich für den Deutschunterricht erlassen hat:

"Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer. Wir müssen das Deutsche zur Basis machen. Um den deutschen Aufsatz muß sich alles drehen."