Nun, das ist eine zwar oft mißachtete, aber keine neue Erkenntnis. Konsequent durchdacht und in die Praxis übertragen bedeutet sie: über den Tod Goethes (1832) oder doch – etwas leichtfertiger gesehen – über den Naturalismus (etwa 1890) läßt sich eine solche Wissenschaft nicht hinausführen. "Die europäische Literatur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist noch nicht gesichtet, das Tote vom Lebendigen noch nicht geschieden ... das entscheidende Wort über sie steht nicht der Literaturgeschichte zu, sondern der literarischen Kritik" (E. R. Curtius).

Nur mit solcher Entsagung läßt sich Germanistik als "reine Wissenschaft" wirklich vertreten. Wolf gang Kayser versuchte das noch einmal auf dem Hamburger Germanistenkongreß, ohne (so wird berichtet) viel Gegenliebe zu finden.

Die meisten Germanisten (die das Fach "Neuere Literaturgeschichte" vertreten – und nur von ihnen ist hier die Rede) sind heute stolz darauf, auch "der Moderne" gegenüber aufgeschlossen zu sein – mit einem gewissen Recht.

Nur – und man sollte doch endlich aufhören, sich darüber hinwegzutäuschen – daß mit den Methoden der "Literatur Wissenschaft" dem Ungesichteten, Zufälligen, vielfach Vernebelten, leidenschaftlich Umstrittenen, dem Lebendigen also nicht mehr beizukommen ist.

Den Deutschlehrer muß dieses der "wissenschaftlichen" Sicht entrückte Hier und Heute besonders interessieren – aus einem einfachen Grunde, den man doch nicht gering schätzen sollte: weil es seine Schüler interessiert. Und nur, wenn es ihm gelingt, dem Schüler ein "tat twam asì" (um es schön gebildet auszudrücken), ein "tua res agitur", eine enge Beziehung zu dessen eigener kleiner Welt recht klar und anschaulich, besser noch: interessant und aufregend zu machen, darf er ihm dann vorsichtig auch mit Stilfragen und "Gestaltanalysen" kommen, die für einen normalen Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen – warum denn geniert darum herumreden? – eben einfach langweilig sind.

Dafür gibt ihm die Universität, wenn er Glück und gute Lehrer gehabt hat, die Grundlagen. Was sie ihm nicht gibt, sind: Maßstäbe, die dem Neuen und Unbekannten gegenüber allgemein als verbindlich akzeptiert werden – und: Methoden, auch dort zu einer versuchsweisen Klärung zu kommen, wo solche Maßstäbe fehlen.

Wie sollten in einer Welt, der alle verbindlichen Maßstäbe rapide abhanden zu kommen scheinen, solche nun gerade von der Germanistik gefordert werden? Nicht darum kann es gehen. Sondern darum: an der Stelle des absoluten Urteils auch die begründete Meinung und die nicht schlechter begründete Gegenmeinung gelten zu lassen, als ob es sich um wissenschaftlich fundierte Urteile handelte (wobei dieses "als ob" keineswegs in Vergessenheit geraten sollte). Was man dadurch an Illusionen begraben müßte, gewänne man an intellektueller Aufrichtigkeit. Und das käme dem gesamten "literarischen Leben" zugute, von dem nächstens zu reden sein wird.