Von Thilo Koch

Als der Verlag Langen-Müller Casanovas große Autobiographie neu herausbrachte, sollte sie – wie jede wichtige Neuerscheinung – im Literaturteil der ZEIT besprochen werden. Etwa drei bis vier Manuskriptseiten waren dafür vorgesehen. Eines Tages rief Thilo Koch, dem wir die Besprechung übertragen hatten, bei der Redaktion an: „Es wäre schade, das so kurz zu machen. Ich möchte mehr darüber schreiben.“ So etwa sechs Seiten, hatten wir uns vorgestellt. Es wurden sechzig Seiten, es wurde eine ganze Neuinterpretation vom Leben und Lieben dieses faszinierenden Don Juan daraus, der – eben kein Don Juan war. Das Interesse einiger Leser hoffnungsvoll voraussetzend, veröffentlichen wir diese längste Buchbesprechung, die wir je gedruckt haben und je drucken werden, in Fortsetzungen.

Casanovas Memoiren sind, übersetzt von Heinrich Conrad, neu erschienen im Verlage Langen-Müller, München. Diese Gesamtausgabe in sechs Bänden umfaßt 4240 Seiten und kostet in Leinen 120,– DM, in Saffianleder 210,– DM.

Ich hielt ihr die Austernschalen an den Mund, und nachdem sie viel gelacht hatte, schlürfte sie die Auster ein und hielt sie zwischen den Lippen fest. Schnell nahm ich die Auster, indem ich meine Lippen auf ihren Mund preßte; ich tat dies jedoch in sehr anständiger Weise. Aber man stelle sich meine angenehme Überraschung vor, als ich sie zu mir sagen hörte, es komme mir zu, das Geschenk zurückzuerstatten. Man kann sich denken, mit welcher Wonne ich dies tat.“ (VI, 468)

„Sie“ heißt in diesem Falle Armellina, ist ein Klosterzögling, und Rom im Jahre 1771 stellte die Kulisse für eine der bezeichnenden Intrigen Casanovas. Er ist 46 Jahre alt und zweifelt schon an der Kraft seiner Verführungskünste. Von Jugend auf gewöhnt, zu kommen, zu sehen und zu siegen, braucht er jetzt Hilfsmittel. Für die widerstrebende Armellina erfindet er das Austernspiel. Mit welchem Erfolg – wir werden sehen.

Die tausend Geschichten seiner tausend Liebschaften – Casanova hat sie in den Memoiren so anschaulich geschildert, daß in ihnen allen die Grundfigur seiner Liebe sichtbar wird. Armellina, Ignazia, Lia, Esther, Irena, Callimene, Betty, Adele, Pauline, Auguste, Marcolina, Rosalie, Veronika, Teresa, Mariuccia, Helene, Agata, Irene, Clementine, Camilla, Manon, Sarah, Henriette, Bettina, Genoveffa, Giulietta, Christina – e tutti quanti, sie erregen seine Begierde, er wirbt um sie, sie ergeben sich, er verläßt sie.

Der äußere Ablauf indessen besagt nicht alles – viel, aber nicht alles. Das Geheimnis des Casanova-Erfolges in der Liebe ist: daß er alles der Liebe unterordnet, daß er – vollkommen rücksichtslos gegen sich und andere – alles riskiert, um die Frau, die er begehrt, zu erobern.

Gewiß, Casanova bringt viele Voraussetzungen dafür mit, einer Frau zu gefallen: eine nimmermüde, schier unerschöpfliche Natur, Großzügigkeit, Mut und Ausdauer, Lebensart, männliches Auftreten, ein funkelndesTalent für Konversation, Zartheit ebenso wie Rücksichtslosigkeit. Aber all das vereinigt sich auch sonst manchmal, so oder so gemischt, in einem Manne. Casanovas Einzigartigkeit ist, daß er alle seine Gaben und Erfahrungen unumschränkt mobilisiert für die Liebe. Sie war sein einziger Beruf; er wurde ihr Virtuose. Was heißt das?

Als er in London ist und zunächst ziemlich einsam und ziemlich reich in einem gemieteten Haus sitzt, entwirft er ein Plakat und befiehlt, es am Fenster auszuhängen. Darauf steht:

„Zu vermieten:

zweites oder drittes Stockwerk, möbliert, an ein alleinstehendes und unabhängiges junges Fräulein, das Englisch und Französisch spricht und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt.“ 220)

Natürlich beißt sehr bald ein Fischlein an, und es ist sogar ein rechter Goldfisch. Pauline ist sein Name, er kommt aus Portugal, hat einen Entführungsroman erlebt, und Casanova konstatiert nach der ersten Unterredung:

„Ich war schon voller Hoffnung; dieser Glücks- und erfüllte mich mit inniger Freude. Um mein Temperament zu befriedigen, brauchte ich keine Frau – denn das findet man überall; aber ich brauchte eine, um sie zu lieben. Es war für mich eine Notwendigkeit, an dem Gegenstand meiner Zärtlichkeit Schönheit des Leibes und der Seele zu finden, und meine Liebe wuchs im Verhältnis zu den Schwierigkeiten, die sich meiner Voraussicht nach dem Erfolge entgegenstellten. Ich gestehe, daß ich einen Mißerfolg als unmöglich ansah; denn ich wußte, daß es keine Frau gibt, die der ausdauernden Bewerbung und den Aufmerksamkeiten eines Mannes widerstehen könnte, der sie verliebt machen will, besonders, wenn dieser Mann sich in den Verhältnissen befindet, große Opfer bringen zu können.“ (V, 225)

Mit „Opfer“ meint Casanova hier ganz realistisch: Geld. Aber seine Abenteuer zeigen, daß er auch alle anderen Opfer zumeist vollkommen bedenkenlos auf sich nimmt. Einmal, ein einziges Mal, opfert er sogar seine Begierden der reineren Liebe zu einer schönen Seele. Die Freundin eines Freundes ist schwanger; der Freund – es ist ein anderer Abenteurer, namens Antonio della Croce – gerät durch Falschspiel ins Unglück und muß flüchten; Casanova geleitet das Mädchen von Spa in Belgien sicher und geduldig nach Paris; dort stirbt Charlotte, so heißt sie, im Kindbett und in den Armen Casanovas; darauf wird er selber krank vor Trauer um diese Frau, die nie die seine war.

Aber gewöhnlich sehen die Opfer anders aus. Er ruiniert sich mit vollem Bewußtsein finanziell, indem er der Angebeteten Diamanten und Kleider schenkt, eine Kutsche, Pferde, Bedienstete. Manchmal inszeniert er Gala-Diners für die ganze Aristokratie einer Stadt – wie einmal in Aachen – um einer Frau zu gefallen.

Er schlägt sich wieder und wieder auf Tod und Leben um Frauen: einmal sogar mit einem polnischen Ulanenoberst, dem Großhetman Xawery Branicki, den er auf Pistolen besiegt. Der Tod eines Nebenbuhlers gilt ihm nichts, denn „seine Liebe wächst im Verhältnis zu den Schwierigkeiten, die sich dem Erfolge entgegenstellen“. Jederzeit bedenkenlos und selbstverständlich opfert er seine Gesundheit. Sogar wenn er in den Memoiren maßlos übertreibt, was man ihm unanzweifelbar nachgewiesen hat, selbst dann müssen seine Leistungen in puncto puncti monströs gewesen sein.

(Wird fortgesetzt)