Von Rudolf Walter Leonhard*

"Das Ärgernis muß kommen, aber wehe dem, durch den es kommt

Als Ziesel ein Buch über das verlorene Gewissen der deutschen Presse schrieb, frohlockten manche: das geschieht denen aber mal recht! – Als Melichar mit der Neuen Musik auf seine Art abrechnete, war das Wasser auf viele alte Mühlen: endlich! – Als Albert Malte Wagner – besseren Willens wohl, als ihm allgemein zugebilligt wurde – mit greiser Hand zum Keulenschlag gegen die deutsche Germanistik ausholte, triumphierte der Ungeist: Haut sie!

Freunde, nicht diese Töne. Gäbe es mehr ernsthafte, gründliche, harte und dennoch liebevolle Auseinandersetzungen mit der Presse, mit der modernen Kunst, mit der Germanistik, wir brauchten die Ziesels, Melichars und Wagners nicht. Wäre die Neigung, schamvoll zu verhüllen, nicht so überentwickelt, die Enthüllungen erfreuten sich nicht solcher Popularität.

Drei große Fragen (und viele kleine) sind aufgetaucht, nachdem wir angefangen haben, uns damit zu beschäftigen, "wie man in Deutschland Deutsch studiert". Sie müssen zunächst versuchsweise und sehr kurz beantwortet werden:

1. Frage: Warum denn im Vergangenen wühlen?

Weil man spätestens seit der wissenschaftlichen Begründung der Psychoanalyse weiß, daß ein gesundes geistiges Leben nicht möglich ist, wenn Vergangenes unbewältigt bleibt; weil ohne ein "so war’s – daran hatte ich schuld – daran nicht" die Gereiztheit, die Unsicherheit, das schlechte Gewissen, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, nicht wieder weichen werden.